Revolutionär und Parteigründer: Wilhelm Liebknecht
Der Mitbegründer der Sozialdemokratie wurde vor 200 Jahren geboren
Frankfurt a.M. (epd).

Eigentlich will der junge Wilhelm Liebknecht 1847 nach Amerika auswandern. Doch eine zufällige Begegnung während einer Bahnfahrt zwischen Frankfurt am Main und Mainz führt zu einem Sinneswandel: Der 21-Jährige lernt im Zug einen Reformpädagogen aus Zürich kennen, und so wird er erst einmal Schulmeister in der Schweiz. Wäre er, wie ursprünglich geplant, als Farmer nach Wisconsin gegangen, hätte die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wohl einen anderen Verlauf genommen.

Liebknecht, am 29. März 1826 in Gießen geboren, wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer der prägenden Persönlichkeiten der frühen deutschen Sozialdemokratie. Schon in jungen Jahren kämpft er für die Rechte der Arbeiter und für politische Freiheit im monarchistischen Obrigkeitsstaat. Er ist ein „revolutionärer Demokrat und entschiedener Republikaner“, wie sein Biograf Wolfgang Schröder (1935-2010) schreibt.

Festnahme nach gescheitertem Aufstand in Baden

Und der Historiker Jürgen Schmidt resümiert: „Wilhelm Liebknecht trug wesentlich dazu bei, dass eine eigenständige, auf Emanzipation der Arbeiterschaft ausgerichtete Arbeiterbewegung entstand.“ Dabei verläuft Liebknechts Werdegang keineswegs planvoll. Der revolutionär gesinnte junge Mann nimmt 1848/49 als Freischärler an einem Aufstand im Großherzogtum Baden teil, der niedergeschlagen wird. Liebknecht wird verhaftet und kommt hinter Gitter - nicht das letzte Mal in seinem Leben. Zuletzt wird er 1872 in einem Hochverratsprozess zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt.

Der Mann mit dem buschigen Bart und dem dichten Haarschopf beschreibt sich selbst einmal als „Soldat der Demokratie“, der „viel gekämpft“ und „viel gelitten“ habe. Im Laufe seines Lebens ist er Lehrer, Revolutionär, Emigrant, Journalist, Parteigründer und Parlamentsabgeordneter. Der aus einer bürgerlichen Familie stammende Hesse ist ein gebildeter Mann, kein Mitglied des Arbeiterstandes.

Schon als Kind Vollwaise

Sein Biograf Schröder nennt ihn einen „feinfühligen Knaben“. Im Alter von sechs Jahren ist Liebknecht bereits Vollwaise. Nach dem Besuch des Gymnasiums in seiner Heimatstadt studiert er in Gießen, Berlin und Marburg Philologie und Philosophie. Zu seinen Studienfächern zählt anfangs auch evangelische Theologie. In den 1870er Jahren tritt er dann aber aus der Kirche aus.

Das Lehrerdasein in Zürich ist von kurzer Dauer. Nach dem revolutionären Intermezzo in Baden und mehrmonatiger Untersuchungshaft flieht er zunächst nach Genf, wird aber bald ausgewiesen. Es folgen zwölf Jahre Exil in London - für ihn „magere und doch unendlich fruchtbare Jahre“, wie er im Rückblick schreibt.

Freundschaft mit Marx und Engels

In London lernt der junge deutsche Emigrant den Philosophen Karl Marx kennen, der kurz zuvor zusammen mit Friedrich Engels das „Kommunistische Manifest“ verfasst hat. Die Proletarier hätten nichts zu verlieren als ihre Ketten, heißt es darin. Der programmatische Text endet mit dem Aufruf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. Liebknecht geht im Hause Marx ein und aus und diskutiert mit den Begründern des „wissenschaftlichen Sozialismus“.

Nach einer Amnestie kehrt er 1862 nach Deutschland zurück und stürzt sich in den politischen Kampf. Die Arbeiterbewegung ist in dieser Zeit noch nicht politisch organisiert und hat keine eigene Partei. Das soll sich ändern. Zusammen mit dem 14 Jahre jüngeren August Bebel, den er in Leipzig kennengelernt hat, gründet Liebknecht 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. In ihrem Programm fordert sie einen „freien Volksstaat“ und die „Abschaffung aller Klassenherrschaft“.

Vereinigung zur Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha

Schon 1863 hat Ferdinand Lassalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet. Die beiden rivalisierenden Parteien schließen sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen. Liebknecht betrachtet die Vereinigung als eines seiner größten politischen Verdienste. Trotz seiner regen agitatorischen und publizistischen Tätigkeit lebt er in bescheidenen Verhältnissen und kann seine große Familie oft nur mit Mühe ernähren.

Die junge Partei befindet sich am linken Rand des politischen Spektrums im 1871 gegründeten Kaiserreich. Ihre anfangs revolutionären Ziele versucht sie auf legalen Wegen zu erreichen, ist aber vor Repression nicht sicher. Der erzkonservative Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) versucht, die Partei mit dem Sozialistengesetz (1878-1890) zu zerschlagen, was aber nicht gelingt.

SPD wird nach 1890 stärkste Partei

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) - wie sie ab 1890 heißt - gewinnt stetig an Wählerstimmen. Bis 1912 steigt sie zur stärksten Kraft im Reichstag auf. Es sei das Verdienst der Parteigründer Liebknecht und Bebel, „die Sozialdemokratie im Kaiserreich trotz aller Anfeindungen und Verfolgungen zu einem Pfeiler der demokratischen Entwicklung gemacht zu haben“, bilanziert Jürgen Schmidt, Leiter des Karl-Marx-Hauses in Trier.

Wilhelm Liebknecht stirbt am 7. August 1900 im Alter von 74 Jahren in Charlottenburg bei Berlin. Rund 150.000 Menschen geben ihm das letzte Geleit zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Bis zuletzt war er im Reichstag und als Chefredakteur des Parteiorgans „Vorwärts“ aktiv. Seine Geburtsstadt Gießen würdigt Liebknecht zum 200. Geburtstag mit einem Jubiläumsjahr. Geplant sind ein Festtag mit Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur am 29. März, eine Sonderausstellung im Museum für Gießen und eine wissenschaftliche Konferenz.

Von Jürgen Prause (epd)