Der weiße Bus ist unscheinbar. Doch an diesem Februartag 1984 bringt er Andreas Truckenbrodt aus der Haft in ein anderes Leben. Die Fahrt führt durch die DDR Richtung Grenze. Im Bus herrscht angespannte Stille, erinnert sich Truckenbrodt. Erst hinter der innerdeutschen Grenze lässt die Anspannung nach. Ziel ist Gießen, das Notaufnahmelager der Bundesrepublik. Für den damals 24-Jährigen endet eine 28-monatige Haft und beginnt die Freiheit, die einen festen Preis hatte.
Der heute 67-Jährige ist einer von 33.755 politischen Gefangenen, die die Bundesrepublik zwischen 1963 und 1990 freikaufte. Die DDR ließ sich die Entlassung bezahlen - zunächst bar, später fast ausschließlich in Waren. Insgesamt flossen Güter im Wert von 3,4 Milliarden D-Mark.
Eine lukrative Geldquelle
Die Voraussetzungen entstanden mit dem Mauerbau, der vor 65 Jahren begann, am 13. August 1961. Die Abriegelung verschärfte den Druck nach innen. Zwei Jahre später wurden die ersten Häftlinge „freigekauft“. „Hinter dem Angebot der DDR stand das Ziel, eine lukrative Geldquelle zu erschließen“, sagt der Historiker Jan Philipp Wölbern dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Organisiert wurde dieses Geschäft diskret und unter Beteiligung der evangelischen Kirche. Eine Schlüsselrolle spielte das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit Sitz in Stuttgart, das damals noch gesamtdeutsch organisiert war und so grenzüberschreitend handeln konnte. Es organisierte die Lieferung der Gegenleistungen an die DDR - von Kaffee und Butter bis zu Rohstoffen wie Öl, Kupfer oder Kautschuk.
Dass die Diakonie diese Aufgabe übernahm, lag auch an ihrer Struktur. „Dort hatte man Erfahrung, große Mengen von Waren zu beschaffen und zu verteilen, etwa bei Hilfslieferungen nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der Historiker und Theologe Michael Häusler dem epd. Er ist Leiter des Archivs für Diakonie und Entwicklung in Berlin und bestens vertraut mit den damaligen Vorgängen.
Die Kirche finanzierte die ersten Freikäufe
Nach 1961 verschärfte die SED ihren Kurs gegen Christen; zeitweise saßen rund 100 Personen aus dem kirchlichen Umfeld in Haft. Vertreter der evangelischen Kirchen im Westen reagierten zunächst selbst, stellten Listen zusammen. Erste Freikäufe wurden in den 1960er Jahren aus EKD-Mitteln finanziert - unter strenger Geheimhaltung. In der Stuttgarter Diakonie-Zentrale waren nach Häuslers Einschätzung „vielleicht fünf bis sechs Leute“ eingeweiht.
Doch das System entwickelte rasch Eigendynamik. Die Preise wurden individuell ausgehandelt und stiegen teils drastisch - je nach politischer Bedeutung sollen bis zu 250.000 D-Mark verlangt worden sein. Als die Forderungen weiter kletterten, drängte die Diakonie laut Jan Philipp Wölbern auf eine stärkere Einbindung der Bundesregierung. Die politische Verantwortung ging an die Regierung nach Bonn über, die Kirche blieb organisatorischer Partner.
Freiheit als Verhandlungsmasse
Im Westen verband sich mit den Warenlieferungen die Hoffnung, auch die Versorgung der DDR-Bevölkerung zu verbessern. Doch häufig gelangten die Güter gar nicht zu den Menschen: Die DDR verkaufte Rohstoffe über den „Bereich kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) gegen Devisen auf dem internationalen Markt. Nach Wölberns Forschungen gingen seit Mitte der 1970er Jahre große Teile der Erlöse in die Zahlungsbilanz der DDR ein.
In den 1980er Jahren, erklärt der Historiker, kehrte sich die Logik des Systems teilweise um. Immer häufiger stand die Aussicht auf Einnahmen durch den Häftlingsfreikauf am Anfang. „Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen“ lautet der Untertitel seines Buch „Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63-1989“ (2014).
Während in den 1960er Jahren nur etwa jeder achte Häftling freikam, war es in den 1980er Jahren bereits jeder zweite. Die Bundesrepublik kaufte Menschen frei - und stabilisierte damit zugleich das System, das sie zuvor eingesperrt hatte.
„Es war eine Gratwanderung“
„Es war eine Gratwanderung“, sagt Michael Häusler. Ausschlaggebend für die Beteiligten aus Kirche und Diakonie sei gewesen, dass Personen vor menschenunwürdigen Haftbedingungen bewahrt wurden. Ähnlich beurteilt es Andreas Truckenbrodt: Der Freikauf habe das Unrechtssystem nicht legitimiert, sondern konkrete Hilfe ermöglicht. „Wer weiß, was sonst aus uns geworden wäre“, sagt er.