Eine Mail ans Schulamt mit der Forderung „Reißt die Holocaust-Denkmäler ab“, eine Nachricht im Briefkasten mit der Parole „Kill Jews“, Israel auf der Weltkarte übermalt und unsichtbar gemacht: Antisemitismus wird in Brandenburg nach Einschätzung von Experten zunehmend offen zur Schau gestellt. Seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 sei eine dauerhafte Niveauverschiebung festzustellen, hieß es bei der Vorstellung des Monitoringberichts 2025 der Fachstelle Antisemitismus am Montag in Potsdam.
Gegenüber 2022 habe sich die Zahl der Vorfälle von 204 auf 461 mehr als verdoppelt, hieß es. Damit sei pro Tag im Schnitt mehr als ein Fall bekannt geworden. Zugleich seien im vergangenen Jahr 23 Vorfälle weniger als im Vorjahr erfasst worden. Die Dunkelziffer der antisemitischen Vorfälle sei vermutlich weitaus höher.
Zunehmend enthemmt
Dervis Hizarci vom Trägerverein der Fachstelle sagte, die Zahlen zeigten, dass Antisemitismus ein großes Problem bleibe und für Jüdinnen und Juden Realität sei. Der starke antisemitische Trend in Brandenburg verstetige sich. Antisemitismus werde zunehmend enthemmt und unverhohlen geäußert. Politik, Zivilgesellschaft sowie Bürgerinnen und Bürger seien gefordert, dem entschlossen entgegenzutreten.
Sozialstaatssekretär Johannes Wagner betonte, jeder einzelne Fall sei einer zu viel. „Das dürfen wir so niemals hinnehmen“, sagte er. Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner sagte, dass der Antisemitismus offener und radikaler werde, sei Anlass zur Sorge. Problematisch sei die Entwicklung dabei auch im Internet und in den Sozialen Medien.
Mit 208 Fällen, 45,1 Prozent aller erfassten antisemitischen Vorfälle, seien Rechtsextremismus und Rechtspopulismus der häufigste dokumentierte politisch-weltanschauliche Hintergrund geblieben, hieß es. 84 Fälle wurden dem antiisraelischen Aktivismus, zehn einem islamischen oder islamistischen Hintergrund zugeordnet. Von den 484 im Jahr 2024 erfassten Fällen waren 213 als rechts oder rechtsextrem, 94 als von antiisraelischem Aktivismus ausgehend und 18 als islamisch oder islamistisch motiviert eingestuft worden.
Mehr Bedrohungen und Angriffe
Die meisten 2025 bekannt gewordenen Fälle, insgesamt 366, beträfen verletzendes Verhalten, hieß es weiter. Zugleich seien 58 Bedrohungen, 18 Angriffe, 17 antisemitische sogenannte Massenzuschriften und eine extreme Gewalttat erfasst worden. Bei der Gewalttat handle es sich um die Vorbereitung eines auf die israelische Botschaft in Berlin geplanten Anschlags.
Die Zahl der Angriffe, Bedrohungen und Massenzuschriften nahm dem Bericht zufolge 2025 zu. 2024 waren 55 Bedrohungen, 13 Angriffe und elf antisemitische Massenzuschriften erfasst worden. In beiden Jahren wurden zudem jeweils 43 gezielte Sachbeschädigungen dokumentiert.
Besonders viele Vorfälle seien 2025 in Oberhavel (76), Cottbus (57) und Potsdam (53) dokumentiert worden, hieß es. In Oberhavel seien in 45 Fällen Erinnerungsorte und Gedenkstätten betroffen gewesen. Dazu gehören die KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen in Oranienburg und Ravensbrück bei Fürstenberg an der Havel. Oberhavel und Potsdam gehörten auch 2024 zu den Schwerpunkten.