Bundestag würdigt Volkskammerpräsidentin Bergmann-Pohl mit Porträt
Berlin (epd).

Die Galerie der Präsidentinnen und Präsidenten des Deutschen Bundestags werde im Haus etwas flapsig als „Ahnengalerie“ bezeichnet, sagt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), während sie vor den Porträts steht. „Und Ahnen haben etwas mit 'Verwandtschaft' zu tun“, führt sie am Dienstag in Richtung von Sabine Bergmann-Pohl aus. Dass ein Bildnis der 80-Jährigen fortan im zweiten Stock des Reichstagsgebäudes hängt, ist ein Novum: Sie ist die erste Persönlichkeit, die dort abgebildet ist, ohne je Bundestagspräsidentin gewesen zu sein. Und zugleich die nächste „Verwandte“ der Männer und Frauen, die dort hängen.

Bergmann-Pohl, 1946 in Eisenach geboren, war im Jahr 1990 die Präsidentin der einzigen demokratisch gewählten Volkskammer der DDR. In lediglich 180 Tagen verabschiedete diese unter ihrer Leitung 164 Gesetze. „Was für ein ungewöhnliches Parlament“, meint Klöckner. „Es musste parlamentarische Demokratie praktisch von Grund auf lernen - und zugleich Entscheidungen treffen, die seine eigene Existenz beenden würden.“

Verkündete Beitrittsbeschluss zur BRD

Den wichtigsten Satz ihres Lebens sagte Bergmann-Pohl wahrscheinlich am 23. August 1990 um 2.47 Uhr morgens. Sie verkündete nichts weniger als den historischen Beitrittsbeschluss der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober desselben Jahres.

Geschichte habe Bergmann-Pohl aber auch auf andere Weise geschrieben, darauf weist ihre „Nachfahrin“ Klöckner hin: „Sie waren das erste weibliche Staatsoberhaupt eines deutschen Staates.“ Nach der Abschaffung des Staatsrates übernahm das Präsidium der Volkskammer dessen Befugnisse.

Vom Krankenhaus in die Politik

Die promovierte Fachärztin für Pneumologie hatte zunächst eine Poliklinik für Lungenkrankheiten in Berlin-Friedrichshain geleitet, dann wurde sie Direktorin der Ost-Berliner Bezirksstelle für Lungenkrankheiten und Tuberkulose. Mit ihrer Karriere begann auch ihr politisches Leben: Sowohl aufgrund ihrer christlichen Einstellung, als auch um nicht der SED beitreten zu müssen, trat sie in die Ost-CDU ein, damals eine Blockpartei unter der Fuchtel der SED.

Ihre größte politische Aufgabe wurde es, an der Zusammenführung der beiden deutschen Staaten mitzuwirken. Nicht zufällig nimmt das Porträt von Bergmann-Pohl neben dem von Rita Süssmuth (1937-2026) Platz. Mit Süssmuth, die von 1988 bis 1998 Bundestagspräsidentin war, arbeitete Bergmann-Pohl eng zusammen. Gemeinsam bereiteten die beiden Frauen den Weg zur deutschen Einheit mit vor.

Verbundenheit mit Künstlerin Doris Ziegler

Für Bergmann-Pohl stellt die Aufnahme in die ehrwürdige Reihe eine „Anerkennung für die Arbeit der freigewählten Volkskammer“ dar. Mit rund 80 mal 90 Zentimetern Größe ist es das kleinste der nun 14 Gemälde in der Galerie. Den Künstler oder die Künstlerin sucht sich die porträtierte Person selbst aus. Bergmann-Pohls Wahl fiel auf die gebürtige Weimarerin Doris Ziegler. Sie wollte eine Frau haben, die die politischen Ereignisse vor und nach der Wiedervereinigung erlebt und in ihrem künstlerischen Werk verarbeitet habe.

Gemeinsam hätten die beiden Frauen aus Thüringen einige Erfahrungen, erzählt Bergmann-Pohl bei der Enthüllung des Porträts, zu der auch die Bundestagsvizepräsidenten und weitere Abgeordnete erschienen sind. Etwa die Versuche von Männern, sie auf ihrem Karriereweg kleinzuhalten: „Unsere Wege waren alles andere geradlinig.“

Werk soll Beitrag der Ostdeutschen repräsentieren

Dass auch die Umbruchzeiten der Wende alles andere als geradlinig waren, versuchte Ziegler im Gemälde zum Ausdruck zu bringen: Wer es aus der Nähe betrachtet sieht, dass Bergmann-Pohls Konterfei an den Bildrändern von feinen Dornen umgeben ist, als Zeichen für die schwierige Zeit und die Veränderungen.

Diese schwierige, kurze und intensive Zeit in der letzten Volkskammer habe sich aber gelohnt, sagt Bergmann-Pohl: „Ein größeres Geschenk als die Wiedervereinigung Deutschlands konnten die Abgeordneten diesem Land nicht machen.“ Das sieht auch Klöckner so, die in dem Porträt auch den Beitrag der Ostdeutschen symbolisiert sieht: „Sie alle repräsentiert von nun an dieses Porträt in der Präsidentengalerie.“

Von Jonas Grimm (epd)