Dieselben Wiesen, dieselben Gräben, derselbe scharfe Wind. Als Thomas Dreyer (Name geändert) in Wewelsfleth aus dem Auto steigt, hat er den Eindruck, dass sich hier in der Wilstermarsch nordöstlich der Elbe in den vergangenen fünf Jahrzehnten gar nicht so viel verändert hat. Mit einigen Freunden geht er noch einmal denselben Weg wie am 31. Oktober 1976, als sie das erste Mal in Brokdorf waren: Von Wewelsfleth Richtung Elbe, dann weiter auf dem Deich, insgesamt etwas mehr als fünf Kilometer.
Wo vor 50 Jahren eine Baustelle war, zur Festung ausgebaut mit Stacheldraht und Wassergraben, steht jetzt das abgeschaltete Atomkraftwerk Brokdorf. Am 1. Januar 2022 ging es vom Netz, seit zwei Jahren läuft der Rückbau. Bislang vor allem im Innern des Kraftwerks, die optischen Veränderungen an Außenanlagen halten sich deshalb in Grenzen. Hellgrau ist die Reaktorkuppel, zusammen mit dem rund 150 Meter hohen Abluftkamin prägt sie die Silhouette. Daneben das wuchtige Maschinenhaus.
Tränengas aus Hubschraubern
Brokdorf war das am heftigsten umkämpfte und symbolträchtigste deutsche AKW. Schon gegen den in der Nacht zuvor erfolgten Baubeginn hatten am 30. Oktober 1976 rund 8.000 Menschen demonstriert, einige hundert besetzten das Baugelände. Im Morgengrauen trieben Polizisten die Besetzer vom Platz. „Die Polizei ging mit unfassbarer Brutalität vor“, hieß es damals in den NDR-Nachrichten. Die Demonstration war die erste große Protestaktion gegen Brokdorf.
Auf dem Elbdeich protestierten einen Tag später 4.000 Menschen gegen die Polizeiübergriffe. Dreyer hatte die Räumung des Baugeländes am Vorabend in den Fernsehnachrichten gesehen, er hatte - wie er sagt - „keine Ahnung von Atomkraft“ und war „eher aus Neugier“ nach Brokdorf gefahren.
Obwohl die Polizei weiträumig Straßen absperrte, zogen zwei Wochen später, am 13. November, 40.000 Menschen durch die Wilstermarsch zum Bauplatz. Dreyer war wieder dabei. Der Versuch einer erneuten Besetzung misslang. Polizisten und Grenzschützer verteidigten das Gelände, warfen Tränengaskartuschen aus Hubschraubern in die Menge. Viele Menschen wurden verletzt.
Protest in Wyhl noch regional geprägt
Waren die ersten großen Anti-AKW-Proteste im badischen Wyhl noch stark regional geprägt, habe Brokdorf gezeigt, „dass große Anti-Atomkraft-Demonstrationen keine südwestliche Besonderheit waren“, sagt der Bochumer Umwelthistoriker Frank Uekötter. Er hat mit dem Buch „Atomare Demokratie“ ein Standardwerk zum Anti-Atom-Protest verfasst: „Atomkraft brachte Massen auf die Straße bzw. zum Bauzaun. Nach Wyhl konnte man noch über das Ausmaß des Unmuts streiten - nach Brokdorf war endgültig klar, dass dies eine der großen politischen Streitfragen war.“
Trotz Versammlungsverbots und ausdrücklicher Warnungen durch Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) fand am 19. Februar 1977 die bis dahin größte Demo gegen das AKW statt. 50.000 Menschen zogen in eisiger Kälte Richtung Bauplatz - und kehrten nach einer Kundgebung an der ersten Polizeisperre wieder um. Am 28. Februar 1981 protestierten sogar 100.000 in der Wilstermarsch gegen das Auslaufen des zwischenzeitlich verfügten Baustopps.
In den Kämpfen um Brokdorf hatten linke Organisationen und die damals starken „K-Gruppen“ ihre Liebe zur Anti-AKW-Bewegung entdeckt. Sie sahen in den überall neu entstehenden und wachsenden Bürgerinitiativen ein ideales Propaganda- und Rekrutierungsfeld. „Der Marxist freut sich immer, wenn die Massen aufbegehren“, erklärt Uekötter. „Vor allem dann, wenn man seit 1968 von der Revolution träumt, die einfach nicht kommen will. Natürlich war der Aufstand des Proletariats etwas anderes als die Anti-Atomkraft-Bewegung, die noch dazu eine durchaus unmarxistische Technikskepsis verriet, aber man nahm, was man bekommen konnte.“
Konflikte um Verbleib von Bauschutt
Zehntausende machten sich am 7. Juni 1986 erneut auf dem Weg nach Brokdorf. Wenige Wochen zuvor war ein Reaktor im ukrainischen AKW Tschernobyl explodiert, eine radioaktive Wolke hatte sich über halb Europa ausgebreitet. Am 7. Oktober ging Brokdorf in Betrieb, als erstes Atomkraftwerk in Europa nach Tschernobyl. Viele Anti-Atom-Bewegte empfanden das als schlimme Niederlage. Manche resignierten, arrangierten sich mit dem Kraftwerk, wandten sich anderen politischen Themen zu oder zogen sich ins Privatleben zurück.
Als Thomas Dreyer zurück ist in Wewelsfleth, ist es dunkel geworden. Nur im Nordwesten, wo das AKW von Scheinwerfern angestrahlt wird, leuchtet es noch hinterm Deich. Das Atomkraftwerk bleibt abgeschaltet, doch die Geschichte ist nicht zu Ende. Konflikte gibt es vor allem um den Verbleib von hunderten Tonnen Bauschutt und Reststoffen, die als nicht oder nur gering belastet gelten und nach sogenannter Freimessung auf Deponien landen. Weil keine Deponie den Schrott freiwillig aufnehmen wollte, hat das Land Schleswig-Holstein das Material aus Brokdorf einer Halde bei Harrislee nahe der dänischen Grenze zugewiesen.
Auf dem AKW-Gelände selbst soll die Energiewende Einzug halten. Betreiber PreussenElektra plant dort den europaweit größten Batteriespeicher für Windstrom. Er soll überschüssige Energie zwischenspeichern, um das Stromnetz bei Flaute oder Überlastung zu stabilisieren und das Abschalten von Windrädern zu verhindern.