Vom Blechtopf bis zur Käthe-Kruse-Puppe: die Sammlung eines Lebens
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In Hildesheim weckt eine Mietwohnung Erinnerungen an alte Zeiten
In Hildesheim weckt eine Mietwohnung Erinnerungen an alte Zeiten
Hildesheim (epd).

Wohin nur zuerst schauen? Zu dem Setzkasten mit den Zinnfiguren und getöpferten Mini-Häschen, zu der Käthe-Kruse-Puppe mit dem leuchtend roten Umhang, zu den Blechtöpfen in der Küche oder dem alten Telefunken-Fernseher? Wer die Museumswohnung Hildesheim betritt, spürt schon an der Türschwelle, dass sich in dem schlichten Mietshaus ein Kleinod verbirgt. Eine authentische Zeitreise in die 1950er, 1960er und 1970er Jahre erwartet die Besucher - zwischen Strukturtapeten, orientalischen Wandtellern, „Liebe ist“- Cartoons und schwarzen Bakelit-Lichtschaltern.

Auch Maren Weniger war überwältigt, als sie im März 2023 mit einer Nachlassverwalterin erstmals die Dreizimmerwohnung betrat. Der 77-jährige Bewohner war verstorben, und die Hausverwalterin wollte den Haushalt auflösen, da es keine Erben gab. Die 54-Jährige ging von Zimmer zu Zimmer und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Ich habe gedacht: Krass, das kannst Du auf keinen Fall wegschmeißen - das ist eine Erinnerungshöhle, die der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte.“ Die Idee, die Wohnung als Museum zu öffnen, war geboren.

Haustechnik und Exponate von 1950

Jahrzehntelang hat der Mann in der 67 Quadratmeter großen Wohnung gelebt. 1953 zog er als Achtjähriger mit Mutter und Schwester, mit Großeltern, Tante und deren Baby dort ein. Seine Verwandten starben, seit den Achtzigerjahren lebte er allein - und mit ihm die unveränderte Haustechnik der 50er Jahre sowie zahlreiche stumme Zeugen der Jahrzehnte.

Darunter finden sich Rollschuhe mit Ledergurten, Teppichklopfer, Zuckerdöschen mit Goldrand, ein knallorangener Badezimmerspiegel aus den Siebzigern, ein Sauger mit am Stiel hängendem Staubsack aus der Wirtschaftswunderzeit. Schubladen und Regale verwahren: alte Fotos, Zeitungsausschnitte, Schulhefte, Poesiealben mit Liebesmarken und Bettwäsche - unbenutzt, mit Schleifchen als Konfirmationsgeschenk zusammengebunden. Auf den Fensterbrettern wachsen Kakteen, Aloe-Vera-Pflanzen und eine Monstera - unbeeindruckt von den Veränderungen um sie herum.

Auch der Puppendoktor wurde konsultiert

Ein Jahr lang hat Maren Weniger die Wohnung entrümpelt, um die Schätze freizulegen. An jeder Zimmertür hängt ein Foto, das den Raum so zeigt, wie sie ihn vorgefunden hat. Sie hat aufgeräumt, geputzt, Abfallcontainer befüllt und repariert. Sie hat ihre Handwerker um Rat gebeten und die Schildkröt-Puppen zum Puppendoktor gebracht. „Ich halte es für wichtig, alte Dinge wertzuschätzen, man kann viel von ihnen lernen“, sagt sie.

Beheizt wurde die Wohnung mit Kohle, Holz, Briketts. Der Ofen im Bad wird ebenso mit Holz befeuert, wie der Herd, eine sogenannte Küchenhexe. Auch in den Wohnräumen stehen Öfen. Noch heute dürfen die Feuerstätten betrieben werden, regelmäßig überprüft von einem Schornsteinfegerbetrieb. Die Art zu heizen, hat ihre Spuren hinterlassen. Insbesondere die alten Steiff-Tiere sind rußgeschwärzt. Einige der Kuscheltiere hat Maren Weniger restaurieren lassen.

Verantwortung für die Menschen im Stadtteil

Ihr Urgroßvater habe das Mehrfamilienhaus gebaut, in dem sich die Museumswohnung befindet, sagt Weniger. Aus seinem Baugeschäft sei im Laufe der Zeit eine Hausverwaltung hervorgegangen. Weniger, die Pädagogik und Theologie studiert hat, engagiert sich seit 15 Jahren für die Mieter in der Nordstadt, einem sozialen Brennpunktstadtteil in Hildesheim. Seit 2020 ist sie Geschäftsführerin der Hausverwaltung - in vierter Generation und mit einem ganz eigenen Verantwortungsgefühl für die Menschen im Stadtteil.

Viele Menschen, die dort lebten, seien arm, rund 85 Prozent bezögen Bürgergeld, es gebe viele alleinerziehende Mütter, viele Kinder und alte Menschen, sagt die Hildesheimerin. „Mir liegen die Leute am Herzen.“ Sie selbst wohnt auch in der Nordstadt und bezeichnet sich nicht als Vermieterin, sondern als „Zuhausegeberin“.

Freitags duftet es nach Kaffee und Kuchen

Freitags, wenn die Museums-Besucher kommen, backt Maren Weniger Streuselkuchen - nach einem alten Rezept, das sie in einem Buch für die Hausfrau der 50er Jahre in der Wohnung gefunden hat. „Dort stand, dass die gute Hausfrau immer auf Besuch vorbereitet sein sollte“, sagt sie und lacht.

Die vier Gäste an diesem Tag brauchen nicht lang, um warmzuwerden. Der Duft des von Hand aufgebrühtem Filterkaffee empfängt sie - und das Gespräch ist schnell gefunden: „Kennst Du das noch?“ „Das hatte ich auch.“ „Dass es so etwas noch gibt.“

„Da kommen Erinnerungen hoch“

Die Gäste, etwa zwischen 50 und 60 Jahre alt, stöbern, fassen an, gehen auf Zeitreise. „Da kommen Erinnerungen hoch“, sagt ein Mann, und seine Frau lobt Maren Weniger: „Das ist ja wirklich ein Segen, dass das in ihre Hände gefallen ist.“

Bisher haben sich rund 1.300 Besucher die ungewöhnliche Museumswohnung zwischen Discountern, Billigläden, Graffitifassaden und Gewerbebetrieben angeschaut. Wenn sie durchs Treppenhaus gehen, müssen sie leise sein. Überall hängen Schilder, die um Ruhe bitten. Verständlich. Im Bischofskamp 51 leben ganz normale Menschen, so wie der frühere Bewohner der Wohnung, drittes OG, links.

Von Julia Pennigsdorf (epd)