Hilfe aus dem Wohnmobil: Eine Anlaufstelle für junge Wohnungslose
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Trucy Vo (links) und ihre Kollegin Anna-Lena Kissinger vor dem Wohnmobil von "upstairs"

Wohnungslosigkeit ist auch unter jungen Menschen ein zunehmendes Problem. Die Initiative „upstairs“ hilft in Wiesbaden jungen Menschen, die in Not geraten sind, ganz praktisch. Jetzt wird sie 25 Jahre alt.

Wiesbaden (epd). Noch bevor die offizielle Öffnungszeit beginnt, kommt bereits die erste Frau auf der Wiese vor dem Wohnmobil an. Yasmin hat Kuchen mitgebracht und wirft ihre große Tasche und den Rucksack auf den Boden, bevor sie sich auf die Wiese setzt. Während sie redet, hat sie ein Lächeln auf den Lippen. „Hierherzukommen, ist ein kleiner Ankerpunkt in meinem Alltag“, erzählt sie. Seit fast zwei Jahren sei sie obdachlos, habe in den verschiedensten Städten in Deutschland gelebt. Jetzt hofft sie, in eine Wohnung von „upstairs“ ziehen zu können.

Wohnungslosigkeit ist bei jungen Menschen ein wachsendes Problem. Laut Statistischem Bundesamt waren zum Stichtag 31. Januar 2026 etwa 185.700 Menschen unter 25 Jahren wegen Wohnungslosigkeit untergebracht. Die Zahlen stammen von den Kommunen. Ein Jahr zuvor lag die Zahl mit 194.600 jungen Menschen auf einem neuen Höchstwert. Die Zahl hatte sich seit 2022 nahezu verdreifacht, damals lag sie bei etwa 65.800 Personen.

Krankheit oder schwierige familiäre Verhältnisse

Es sind Menschen wie Yasmin. Eigentlich habe sie allein gelebt und ihr eigenes Geld verdient, erzählt sie. Bis sie psychisch krank wurde. Um gesund zu werden, sei sie wieder zu ihren Eltern gezogen. Doch die hätten sie irgendwann aus dem Haus gejagt: „Sie haben mich mit einer Metallstange bedroht“, erinnert sich Yasmin, „es war wirklich schlimm.“ Seitdem ist ihr Leben von Rastlosigkeit geprägt. Unterschiedliche Städte, unterschiedliche Länder, kaum ruhige Nächte. All das hilft ihr nicht, wieder gesund zu werden.

„Ich habe aus erster Hand erfahren, wie das System versagt“, sagt Yasmin. Eine Beobachtung, die Trucy Vo von „upstairs“ nachvollziehen kann. Denn bei ihr landen viele, die durchs Raster fallen: keine Wohnung, keine Meldeadresse, kein Konto, keine Sozialleistungen. Die Sozialarbeiterin kennt die richtigen Anlaufstellen und begleitet die jungen Menschen bei Bedarf zu Behörden, damit sie „mit beiden Beinen zurück ins Leben kommen“, wie sie sagt.

Markenzeichen buntes Wohnmobil

Die Idee für „upstairs“ entstand 2001 aus der Jugendhilfe-Arbeit des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (EVIM). Fachkräfte begegneten immer wieder jungen Menschen, die bereits wohnungslos oder davon bedroht waren, jedoch keinen Zugang zu Ämtern oder bestehenden Hilfsangeboten fanden. Deshalb entstand, komplett spendenfinanziert, die mobile Anlaufstelle, die im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt wurde. Die Sozialarbeiterinnen geben auch Lebensmittelgutscheine aus und vermitteln Übernachtungsmöglichkeiten.

An vier Tagen die Woche sitzen Trucy Vo und ihre Kollegin Anna-Lena Kissinger mit Campingstühlen auf der Wiese vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof. Bei schlechtem Wetter halten sie sich in dem bunt bemalten Wohnmobil auf, dem Markenzeichen von „upstairs“. Hier lagern sie in vielen Schubladen alles, was sie gebrauchen könnten: Hygieneartikel in Reisegröße, Briefumschläge und Stifte für Formulare, Snacks und Getränke. Die Idee hinter ihrem Konzept: Dorthin gehen, wo die jungen Menschen ohnehin sind. Und es ihnen so leicht wie möglich machen, auf die Sozialarbeiterinnen zuzukommen.

Durch „upstairs“ finden junge Menschen aus der Wohnungslosigkeit

Dass das funktionieren kann, zeigt die Geschichte von Alex. Zu „upstairs“ kam er mit 18 Jahren, nachdem er von seiner Mutter rausgeworfen worden war. Zu Hause habe er viel Gewalt erlebt. „Es gab immer wieder Situationen, in denen die Polizei geholt werden musste wegen der Bedrohung“, erinnert er sich. Wohin er gehen sollte, wusste er nicht, er wurde von einem Amt zum anderen geschickt und stieß durch eine Internetrecherche auf „upstairs“.

Etwa zwei Jahre habe er hier Hilfe bekommen. Nicht nur materiell, für Alex war auch die emotionale Unterstützung entscheidend: die Gespräche mit Erwachsenen, der Aufenthaltsort. „Es ist ein Ort, an dem man einfach sein kann. Das ist einiges wert, wenn man das Gefühl hat, man ist immer unsichtbar und gesellschaftlich nicht erwünscht.“ Heute lebt Alex in einer eigenen Wohnung, hat eine Ausbildung abgeschlossen und studiert.

Herausforderung Wohnungsmarkt

Für viele ist dieser Schritt in eine eigene Wohnung schwierig. „Der Wohnungsmarkt ist eine Katastrophe“, sagt Sozialarbeiterin Vo. Wohnraummangel, steigende Mieten und eine fehlende Person, die eine Bürgschaft übernehmen könnte, machten es für junge Menschen besonders schwer. Im Rahmen eines Bundesprogramms bietet „upstairs“ deshalb in Zusammenarbeit mit der Stadt Wiesbaden seit 2023 ein Clearinghaus für junge Wohnungslose an. Sechs bis acht Personen bis zu 27 Jahren können hier maximal 18 Monate lang leben. Ziel ist es, junge Menschen nicht nur kurzfristig unterzubringen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, Perspektiven für ein eigenständiges Leben zu entwickeln. Hier möchte auch Yasmin einziehen, um endlich Ruhe zu finden und ihr Leben zu ordnen. Die Chancen stehen gut. Ein Zimmer ist frei, eine Wohnungsbesichtigung schon vereinbart.

Internetseite upstairs: https://www.evim.de/jugendhilfe/upstairs

Von Josephine von der Haar (epd)