Fachtag: Gewalt gegen Wohnungslose findet täglich statt
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Yasmin Strelczuk vom Verein Sozialer Friedensdienst Kassel (SFD) eröffnete den Fachtag Gewalt gegen Wohnungslose im Kasseler Rathaus am 18. August.

Bei einem Fachtag in Kassel über Gewalt gegen Wohnungslose sind Betroffene zu Wort gekommen. Der Austausch soll mehr Sichtbarkeit für das Problem bringen und Lösungen aufzeigen.

Kassel (epd). Ein Mann läuft barfuß über ein Stoppelfeld. Die Hosen hochgekrempelt, ärmelfreies Shirt, schwarze Wollmütze, Dreadlocks. Sein Hund läuft an der Leine, in einer späteren Szene sieht es aus, als ob Herrchen und Hund zusammen tanzen. Tanzen und singen sind wiederkehrende Elemente in diesem Film über Obdachlose. Die Kasseler Künstlerin Catrine Val zeigt die Lebensrealität von wohnungslosen Menschen in Kassel eindrucksvoll in Bild und Ton. Das Ergebnis wochenlanger Arbeit und Begleitung von Betroffenen ist am 18. August beim Fachtag Gewalt gegen Wohnungslose im Kasseler Rathaus präsentiert worden.

„Ich lebe in einer Notunterkunft, aber da will kein normaler Mensch wohnen“, sagt der Mann im Film. „Ich will da raus, aber die Schufa sagt nein.“ Der Gefilmte ist einer von rund ein Dutzend Betroffener, die Val interviewt und für den Film ausgewählt hat. Da sind zum Beispiel Claudia, Melanie, Shanti, Angel, Matthias und Thomas. Sie berichten davon, wie sie in ihrem Alltag auf der Straße Gewalt ausgesetzt sind. Wie sie beklaut, getreten und geschlagen werden.

Betroffene: Vergewaltiger bis heute nicht gefasst

„Ich fühle mich nur am Hauptbahnhof sicher, weil da Kameras sind“, sagt einer. Eine Frau erzählt, wie sie ihren Vergewaltiger am „Stern“, einem Platz in Innenstadt wiedersah, den die Polizei aber bis heute nicht gefunden habe.

„Solche Gewalt findet hier jeden Tag statt“, sagt Val, die noch immer im intensiven Austausch mit Wohnungslosen steht. Diese Menschen würden bedroht, beschimpft, ausgegrenzt, erniedrigt und erlebten Gewalt, bestätigt Stadtrat Norbert Wett auf dem Fachtag. „Auf der Straße ist man in besonderem Maße verletzlich.“ Gewalt gegen Wohnungslose brauche daher dringend mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. „Als Stadt und Gesellschaft müssen wir Verantwortung übernehmen und mit Betroffenen ins Gespräch kommen.“

Circa 150 Menschen in Kassel leben auf der Straße

Nach Schätzungen der Stadt haben rund 150 Personen in Kassel kein Zuhause. Zu dem Fachtag hatte der Präventionsrat der Stadt Kassel gemeinsam mit dem Verein Sozialer Friedensdienst Kassel (SFD) eingeladen. Mitwirkende waren zudem Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), der Universität Bielefeld, der Stadtpolizei und der Präventionsabteilung des Polizeipräsidiums Nordhessen. Ziel war es laut Wett, vom Austausch ins Handeln zu kommen, um die Gewalt zu verringern.

Nach Angaben von Paul Neupert von der BAGW sind seit 1989 in ganz Deutschland 693 tödliche und 2752 nicht-tödliche Angriffe auf Wohnungslose dokumentiert worden. Bei Tätern, die selbst wohnungslos seien, sei die Ursache oft ein Konflikt zwischen Bekannten, die um knappe Ressourcen wie Nahrung, Kleidung, Schlaf- oder Bettelplatz stritten. Andere Täter verübten oft überfallartige Taten. Häufig seien die Täter stark alkoholisiert oder stünden unter dem Einfluss von Drogen. „Es handelt sich oft um Gruppen von jungen Männern, und als Grund wird im Nachhinein häufig Hass oder Langeweile angegeben.“

Hohe Dunkelziffer an Gewalttaten gegen Wohnungslose

Neupert geht ebenso wie die Polizei von einer hohen Dunkelziffer bei den Gewalttaten gegen Wohnungslose aus. Die Vertreter der Polizei sprachen beim Fachtag gar von geschätzten 80 Prozent, die nicht angezeigt und nicht bekannt würden. Zahlen der Kriminalstatistik und der BAGW seien daher kaum aussagekräftig. Es sei aber belegt, dass die Zahl der Wohnungslosen insgesamt steige und somit auch die Zahl der potenziellen Opfer, so Neupert. Laut Sascha Aschermann von der Regionalen Geschäftsstelle Nordhessen des Netzwerks gegen Gewalt, das zur Polizei Hessen gehört, haben Menschen in Kassel grundsätzlich eine gewisse Respektlosigkeit im Innenstadtbereich festgestellt.

„Obdachlosigkeit kann jeden treffen“, mahnt die Filmemacherin Val. Wichtig sei es, dass man die wohnungslosen Menschen nicht von oben herab behandele. Oder wie eine Betroffene sagt: „Ich wünsche mir Menschen, die zuhören und nicht gleich urteilen.“

Fachtag: https://s.epd.de/3xql

Webseite der BAG Wohnungslosenhilfe: www.bagw.de

Von Stefanie Rösner (epd)