Es ist fast so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, akustisch jedenfalls. In der Holzwerkstatt des Bremer Nachbarschaftsprojektes „Stadt.Teil.Raum“ stecken an diesem Montagnachmittag Magdalena Riecken und Udo Fischer die Köpfe zusammen und überlegen, wie sie am besten anfangen. Riecken wohnt gleich um die Ecke und hat ein paar Bretter mitgebracht, aus denen sie in der Selbsthilfewerkstatt ein Regal bauen will. „Ein Geschenk für eine Freundin“, sagt sie.
Udo Fischer engagiert sich als einer von 60 Ehrenamtlichen im Projekt. Der 66-Jährige ist Tischler und Berufsschullehrer in Rente und berät Leute wie Magdalena Riecken, die ihm jetzt ihre Bauzeichnung zeigt.
Zuerst sollen die Bretter zugeschnitten werden. Also an der großen Tischkreissäge das richtige Maß einstellen, den Anschlag justieren, Ohrenschützer aufsetzen. Dann geht es los, Magdalena Riecken startet die Maschine: Ein schriller Ton füllt den Raum, langsam schiebt sie das erste Brett in das rotierende Sägeblatt. Udo Fischer hält und stabilisiert das Holz auf der anderen Seite.
„Der Ort hier“, findet Riecken, „ist richtig cool. Diese Kultur, Dinge zu teilen, sich gegenseitig zu helfen, das weiß ich sehr zu schätzen.“
Hilfe und soziale Kontakte
„Stadt.Teil.Raum“ wurde von fünf gemeinschaftlichen Wohnprojekten als Raum für soziale Kontakte und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen im Bremer Stadtteil Walle geschaffen. Seit Sommer 2023 öffnet der selbstorganisierte Treffpunkt seine Türen für Veranstaltungen, Workshops und praktische Nachbarschaftshilfe. „Es gibt eine Holz- und eine Fahrradwerkstatt, ein wöchentliches Reparatur-Café für Textilien und Elektrogeräte, einen Lastenradverleih, eine Zeichengruppe und offene Verschenkeregale“, zählt Koordinatorin Esther Adam auf.
Was hier passiert, ist typisch für Nachbarschaftsprojekte, die auf Initiative der gemeinnützigen Stiftung nebenan.de seit 2018 bundesweit immer am letzten Freitag im Mai mit dem „Tag der Nachbarschaft“ gefeiert werden. Die Vielfalt reicht vom Teilen und Tauschen über gemeinsames Gärtnern in Hochbeeten bis zur Gruppe, die ein großes Straßenfest vorbereitet - Aktionen, die Studien zufolge auch gegen die fortschreitende Einsamkeit in der Gesellschaft helfen können.
Säule für Zusammenhalt
„Gerade in Krisenzeiten sind nachbarschaftliche Netzwerke eine wichtige Säule für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont Sebastian Kurtenbach, Soziologe aus Münster. „In der Nachbarschaft wird Demokratie im Alltag erprobt, das klappt ziemlich gut.“ Das bestätigt auch das „Nachbarschaftsbarometer“ aus dem vergangenen Jahr. Die laut Initiatoren repräsentative Online-Studie hat ergeben, dass 69 Prozent der Befragten das Zusammenleben in der Nachbarschaft als gut oder sehr gut erleben.
Dabei spielen digitale Nachbarschaftsportale wie nebenan.de - die nach eigenen Angaben mit mehr als 4,3 Millionen Nutzerinnen und Nutzern größte Nachbarschaftsplattform in Deutschland - mittlerweile eine wichtige Rolle. „Wenn Menschen sich kennenlernen und miteinander vernetzt sind, können sie sich schneller informieren, gegenseitig unterstützen und gemeinsam Lösungen finden“, sagt Philipp Witzmann, Geschäftsführer von nebenan.de. Das sei ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Resilienz, auch in schwierigen Zeiten.
Bei Magdalena Riecken lief es erst mal ganz analog. Sie ist vor sechs Monaten nach Walle gezogen und hat bald Stadt.Teil.Raum entdeckt. Der Ort wurde 2025 als Bremer Landesprojekt mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet und wurde allein im vergangenen Jahr von rund 1.000 Besucherinnen und Besuchern genutzt. Finanziell getragen wird er durch Spenden, zwei Teilzeitstellen sind öffentlich gefördert. „Ich habe hier schon einige Leute kennengelernt“, erzählt die 38-jährige Riecken. Sie findet es wichtig, dass sie kommen kann, ohne etwas kaufen zu müssen: ein Treffpunkt ohne Konsumzwang.
Treffpunkte gefährdet
Häuser wie diese seien wichtig für die Nachbarschaft, litten aber vielfach an mangelnden finanziellen Ressourcen und der Kommerzialisierung öffentlicher Flächen, warnt der Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach. „Das sehe ich mit Sorge, da riskieren wir Zusammenhalt.“
Der entsteht in den Waller Werkstätten fast nebenbei, gelegentlich auch bei einem ersten Kontakt zwischen Tür und Angel, wenn mal eben schnell eine Schraube gekürzt werden muss. „Gemeinsam etwas Praktisches machen, das verbindet“, so erlebt es Udo Fischer. „Und ein Gespräch entwickelt sich dann ganz von selbst.“
Manchmal kann auch noch mehr daraus werden, vielleicht sogar die große Liebe. Die dann hoffentlich nicht so unerfüllt bleibt wie in dem Hit, den 1976 Chris Norman von der Band „Smokie“ sang, als er in „Living Next Door to Alice“ dem Mädchen seiner Träume hinterher schmachtete. Der Frau, die gleich nebenan wohnte und die wegzog, bevor er ihr seine Liebe gestand.