Zeitreise ins Jahr 1864: Frankfurter Judengasse mittels KI erleben
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VR-Installation des Jüdischen Museums Frankfurt
Frankfurt a.M. (epd).

Auf einer Pflasterstraße zwischen erdfarbenen Häuserfassaden, umgeben von Stimmen, Vogelgezwitscher und Verkehrslärm, kommt ein junger Mann in braunem Mantel und mit brauner Kappe auf einen zu: „Wer bist du denn?“, fragt er. „Du bist neu hier, stimmt's?“ Josef Löwy stellt sich in der Web-Anwendung „Realtalk 1864“ als 17-jähriger Botenjunge vor, der vor Kurzem aus Böhmen nach Frankfurt am Main in das ehemalige jüdische Ghetto gekommen ist, um Schreiner zu lernen und freier Bürger zu werden. Josef lädt die Nutzerinnen und Nutzer ein, ihm durch die Judengasse zu folgen.

Wie lässt sich das Leben von Jüdinnen und Juden in Frankfurt im Jahr 1864 anschaulich und für Jugendliche leicht zugänglich vermitteln? Zur Antwort auf diese Frage hat das Jüdische Museum Frankfurt die Möglichkeiten der digitalen Simulation mit denen der Künstlichen Intelligenz (KI) kombiniert. In der am Freitag freigeschalteten Web-Anwendung „Realtalk 1864“ können sich die Anwender in der Judengasse wie mit Google Street View umsehen, fünf Charaktere treffen und sich mit ihnen unterhalten. Die Methode sei das „Story Asking“, erklärt Direktorin Mirjam Wenzel: „Man eignet sich Geschichte aktiv durch Fragen an.“

Das Museum zeigt seit 1988 die archäologischen Überreste von fünf Häusern der Frankfurter Judengasse. In der frühen Neuzeit lebte hier die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Die Überreste wurden 1987 bei Bauarbeiten für ein Verwaltungsgebäude entdeckt.

Simulation nach historischer Recherche

Der virtuelle Josef führt durch die Judengasse. Als erste spricht er Henriette Bamberger an, eine Frau mittleren Alters, die nach dem Tod ihres Mannes das Geschäft führt. Nach einem kurzen Austausch wendet sich Bamberger direkt an die Anwender: „Was wollen Sie wissen?“, fragt sie. Auf die Frage, was ihr an der Judengasse gefällt, antwortet sie: „Die Judengasse ist eng, laut und voller Gerüche, aber sie ist meine Heimat. Es ist ein Ort, an dem wir trotz der Enge zusammenhalten und unsere Traditionen bewahren.“ Die akustische Unterhaltung wird gleichzeitig in einer Chatleiste als Text vor Augen geführt.

Die Simulation der Häuser, Gegenstände der Alltagskultur und Kleidung der Figuren sei nach aufwendiger historischer Recherche erstellt worden, betont Direktorin Wenzel. „Die historische Glaubwürdigkeit ist uns gerade bei einer KI-Anwendung wichtig.“ Die Fassaden und Straßenansicht seien nach historischen Fotos nachgebildet und die fünf beispielhaften Charaktere aus einer Vielzahl historischer Lebensläufe destilliert worden, erklärt die Projektleiterin Tanja Neumann. Weitere Charaktere sind die Waise und junge Köchin Ella Spiegel, der Rechtsanwalt Maximilian Jacoby und als einziger Nichtjude der evangelische Schreiner Moritz Demmel.

Lebendige Erfahrung von Geschichte

Die Anwendung sei ein „Meilenstein der Geschichtsvermittlung“, hebt die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) hervor. Das in zwei Jahren entwickelte und vom Land Hessen mit 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt könne ein Vorbild für andere Orte, Länder und Konzepte sein. Durch KI werde die Erinnerungsarbeit revolutioniert, ergänzt die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Diese müsse sich in der Wissensvermittlung auf die Welt junger Menschen einstellen. Wertvoll an dem Projekt sei auch, dass es lebendige jüdische Geschichte über Verfolgung und Vernichtung hinaus erfahrbar mache.

Schülerinnen und Schüler nehmen die jüdische Geschichte nur als Katastrophengeschichte wahr, bestätigt die Geschichtslehrerin im Museum, Vera Braun. Die Simulation „Realtalk1864“ eröffne ihnen einen lebendigen Teil der jüdischen Geschichte und das nicht mit langweiligen Quellen. Neben der ortsunabhängigen Nutzung via Internet präsentiert das Jüdische Museum Frankfurt vor Ort im historischen Gewölbekeller der Judengasse „Goldener Apfel“ eine wandgroße Medieninstallation der Anwendung und hält Tablets für Besucherinnen und Besucher bereit.

Von Jens Bayer-Gimm (epd)