Friedenspreisträger: Deutschland muss Verbrechen in Gaza benennen
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Philippe Sands in der Frankfurter Paulskirche
Frankfurt a.M. (epd).

Der französisch-britische Völkerrechtler und Schriftsteller Philippe Sands hat Deutschland dazu aufgefordert, seine Haltung gegenüber Israel mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen zu überdenken. Völkerrechts-Straftaten müssten unabhängig davon benannt werden, wer sie begehe, sagte der 65-jährige Sohn von Holocaust-Überlebenden am 11. Oktober in der Frankfurter Paulskirche, wo er den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm.

Die Bundesregierung prangere Menschenrechtsverletzungen in zahlreichen Ländern an, schweige jedoch zu Israel, Gaza und dem Westjordanland. Die Benennung möglicher Verbrechen dürfe nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden. Deutschland habe sich wie kein anderes Land mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit beschäftigt und müsse universelle Rechtsgrundsätze auch gegenüber befreundeten Staaten konsequent anwenden.

Auch Freunde könnten Unrecht benennen

Auch Freunde Israels könnten Unrecht benennen, sagte der Jurist, der sich ebenfalls als Freund Israels versteht. Das Land habe das Recht, sich nach dem entsetzlichen Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 zu verteidigen, müsse sich aber an die Grenzen des internationalen Völkerrechts halten.

„Frieden braucht Gerechtigkeit“, sagte Sands. Gerechtigkeit brauche Regeln und Regeln brauchten universell gültige Gesetze. „Eine Welt ohne Regel ist unsinnig“, sagte der Völkerrechtler. Er drückte seinen Respekt aus für unabhängige Richter in den USA und anderen Ländern, die standhaft blieben auch gegen Angriffe von Regierungen.

Laudatorin Zadoff ehrt klare Haltung

Die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Mirjam Zadoff, würdigte Sands in ihrer Laudatio als einen Juristen, der internationales Recht mit Klarheit und Haltung in einer Zeit vertrete, in der dieses immer stärker unter Druck gerate. Sie erinnerte an sein großes Engagement für die Aufarbeitung der Verbrechen des Pinochet-Regimes in Chile ebenso wie für seine Verteidigung der Rechte der Rohingya und die Unabhängigkeit der Ukraine.

Die Historikerin beschrieb den Friedenspreisträger als einen Autor, der historische Präzision mit literarischer Kraft verbinde. Er bleibe jedoch immer Anwalt und werde niemals Richter. Sands scheue „nicht den Blick in die Abgründe menschlicher Existenz und Grausamkeit“, reagiere aber niemals mit Bitterkeit und Zynismus, sondern „einer fast rastlosen Suche nach der, wie er es nennt, verlorenen Fähigkeit zu hoffen“. Zadoff lobte die „zukunftsfähige Kraft“ seines Schreibens.

Hubig: „Unerschütterlicher Glaube an Stärke des Rechts“

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) nannte Sands in einer Mitteilung des Ministeriums einen der großen Völkerrechtler unserer Zeit. Aus seinem schriftstellerischen Werk und aus seiner Tätigkeit als Anwalt für das Völkerrecht spreche „eine tiefe Humanität - und ein unerschütterlicher Glaube an eine Welt, in der die Stärke des Rechts zählen muss, nicht das Recht des Stärkeren“.

Der Friedenspreis ist einer der bedeutendsten Kulturpreise Deutschlands. Er wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Die Auszeichnung wird traditionell am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen. Im vergangenen Jahr wurde der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel ausgezeichnet.

Von Renate Haller (epd)