Seelsorge-Assistenz auf vier Beinen
s:49:"Pfarrerin Isabelle Freund mit Therapiehund Flores";
Pfarrerin Isabelle Freund mit Therapiehund Flores
Pfarrerin Isabelle Freund ist mit Therapiehund Flores im Einsatz
Olching (epd).

Auf dem schwarzen Halstuch steht „Hund im Einsatz“, aber ob Flores das kümmert, lässt sich schwer sagen. Gerade will die Labradorhündin mit dem hellen Fell erst mal raus in den sonnigen Herbsttag. Isabelle Freund kennt die Energie ihres Vierbeiners und nimmt Flores bis zum nahen Flussufer der Amper vorsorglich an die Leine. Die Olchinger Pfarrerin und ihr Hund gehen diesen Weg oft, nicht selten sind Dritte dabei für ein Seelsorgegespräch. Dann zeigt sich Flores' unsichtbare Superkraft: Sie ist eine ausgebildete Therapiebegleithündin und geprüft für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung.

„Flores ist ein Herzens- und Gesprächsöffner“, sagt Isabelle Freund. Natürlich weiß die Theologin, wie man auch ohne Hund mit Menschen über Lebensthemen ins Reden kommt. Aber vielen falle der Einstieg leichter, wenn Flores dabei sei. Flores könne Emotionen erspüren und beschwichtigen, innerliche Stimmungswechsel anzeigen, geduldig zuhören und Situationen mit einem Schabernack entspannen. Freund erzählt von ihren Einsätzen in Altenheimseelsorge und Religionsunterricht: „Demente Patienten werden ruhiger, wenn Flores sich zum Beispiel zu ihren Füßen hinlegt.“ Schüler würden förmlich innerlich ein Stück wachsen, wenn sie ihnen beim Vorlesen zuhöre.

Harte Arbeit für den Therapiehund

Hunde seien insgesamt einfach viel geduldiger als Erwachsene, sagt die Mutter von drei Jugendlichen. Zugleich ist all das harte Arbeit für die vierbeinige Therapiebegleiterin: Hunde hören viermal besser als Menschen und riechen über 40-mal so gut, sagt Isabelle Freund. Klassenzimmer und Pflegeheime sind unter diesem Aspekt nicht gerade Traumorte. Flores muss bei Krach und Lärm ruhig bleiben. Sie darf nichts vom Boden fressen, auch wenn es ein Schokokeks ist, und niemals schnappen, selbst wenn ihr etwas gegen den Strich geht. „Ich muss mich auf sie verlassen können“, sagt Freund.

Das gilt auch andersherum: Gerade, weil Flores so geduldig und feinfühlig sein soll, braucht sie den Schutz ihrer Hundeführerin. „Wir überfordern Hunde oft, dabei haben die ein viel größeres Ruhebedürfnis als wir“, erklärt Freund. Sie hat sich in einer knapp einjährigen Ausbildung viel Fachwissen zu rechtlichen, medizinischen und allgemeinen Themen über Hunde angeeignet und kann Flores Reaktionen nun genau deuten.

Von der Ingenieurin zur Pfarrerin

Dass die Pfarrerin mit einer vierbeinigen Seelsorge-Assistenz unterwegs ist, passt in den ungewöhnlichen Lebenslauf der 44-Jährigen. Eigentlich hat Isabelle Freund zwei Abschlüsse als Wirtschafts- und Systemingenieurin und mehrere Jahre als Projektmanagerin gearbeitet. Doch der Sinn ihrer Arbeit ging ihr zwischen Effizienzsteigerung und Prozessbeschleunigung verloren. Also studierte sie berufsbegleitend Theologie, ging 2022 ins Vikariat und wurde zwei Jahre später zur evangelischen Pfarrerin ordiniert.

Freund ist außerdem Jägerin in einem nahegelegenen Revier. Das war mit ein Grund dafür, dass Flores ins Haus kam: Sie stammt aus einer speziellen Zucht für Arbeitshunde, ihre Geschwister sind für Förster, Jäger oder Rettungseinheiten im Einsatz.

Therapeutin und schlitzohriger Familienhund

Trotz ihrer verschiedenen Qualifikationen und Arbeitseinsätze sei Flores „auch ein ganz normaler Familienhund“. Genau wie fünfjährige Zweibeiner versuche sie auch mal, ihren Menschen auszutricksen. Im Gebüsch am Amperufer scheint sich etwas Interessantes zu verstecken: Ein unschuldiger Blick zu Isabelle Freund, und schon taucht Flores im Unterholz ab - zumindest kurz. Dann macht die Pfarrerin wieder klar, wer die Richtung bestimmt.

Als auf dem Waldpfad eine Mutter mit quengelndem Kleinkind im Buggy auftaucht, schaut Flores zu Isabelle Freund. Die schüttelt kurz den Kopf - kein Arbeitseinsatz nötig. So wartet der Hund an ihrer Seite und blickt dem Gespann ruhig entgegen. Das Kind schaut Flores neugierig an, das Geschrei verstummt schlagartig.

Von Susanne Schröder (epd)