Die Angehörigen indigener Völker kommen aus der ganzen Welt. Aber sie alle teilen eine Erfahrung, das wird auf dem Treffen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi schnell klar: Ihre Rechte werden im Namen des Naturschutzes massiv verletzt.
Sei es Jumanda Gakelebone aus Botswana, JK Thimma aus Indien, Dorothy Cheruto aus Kenia oder Marisol García Apagüeño aus Peru, alle ihre Gemeinschaften haben Enteignung und andere Übergriffe erlebt. Sie haben ihr traditionelles Land verloren oder sind davon bedroht, durch Umweltschutzvorhaben die mit militärischen Mitteln und staatlicher Repression durchgesetzt werden.
Spirituelle Verbindung mit Land
„Wir wollen, dass die Unterstützer und Förderer großer Umweltschutzorganisationen Bedingungen für ihre Finanzierung stellen, die indigene Menschen schützen“, sagt Sophie Grig von „Survial International“. Die in Großbritannien ansässige Organisation hat etwa 100 Vertreterinnen und Vertreter von Urvölkern nach Kenia eingeladen, um sich auszutauschen und ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Dabei wird auch deutlich, dass es um weit mehr als um Grund und Boden und das finanzielle Überleben der Menschen geht.
So rezitiert ein Maasai in der traditionellen roten Kleidung zur Eröffnung Segenssprüche. Die anderen Anwesenden antworten, wie von ihm angewiesen, mit "ngai” - was in der Sprache Maa für die allumfassende Gottheit steht. Es ist auch die spirituelle Verbindung mit ihrem Land, was die Menschen hier umtreibt. Denn durch die Einrichtung oder Ausweitung von Nationalparks auf ihrem traditionellen Land verlieren indigene Gemeinschaft häufig nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch die für sie kulturell wichtigen Orte und die Verbindung zu ihren Vorfahren.
Fortsetzung kolonialer Strukturen
Die Ausweisung von Schutzgebieten für Nationalparks oder den Handel mit CO2-Zertifikaten beruhe darauf, dass Menschen vom Land entfernt werden, kritisierte der tansanische Anwalt Joseph Oleshangay. Und nur Menschen, die viel Geld für Tourismus bezahlen können, werde Zugang zu dem Land gewährt. Der Jurist sieht darin eine Fortsetzung kolonialer Strukturen. In seiner Heimat im Norden Tansanias werden Maasai vertrieben, um Gebiete für die Großwildjagd einzurichten - im Namen des Naturschutzes.
Die indigenen Aktivistinnen und Aktivisten müssen sich nicht nur gegen internationale Organisationen verteidigen, sondern auch gegen ihre eigenen Regierungen. Die würden sich oftmals eher für die Wirtschaft einsetzen als für die Menschen, sagt Mordecai Ogada. Der Kenianer hat selbst im Umweltschutz gearbeitet, bevor ihm bewusst geworden sei, wie militarisiert und diskriminierend das System sei.
Ein Teilnehmer inhaftiert
Sehr deutlich wurde die staatliche Repression auf der Konferenz durch eine Abwesenheit: Der indische Aktivist Pranab Doley sollte eigentlich eine der Gesprächsrunden moderieren. Wegen seines friedlichen Protests gegen den Bau eines Luxushotels im Nationalpark Kaziranga im Bundesstaat Assam wurde er Mitte Juli verhaftet. Seitdem ist er im Gefängnis.
Die Teilnehmenden fordern ein neues Modell für den Umweltschutz. Grundlage dafür müsse die Anerkennung ihrer tiefen Beziehung zu Land, Pflanzen und Tieren sein. „Wer denkt, Bäume zu fällen und größere Städte zu bauen ist nachhaltige Entwicklung, der hat keinerlei Grundlage, uns über Zivilisation zu belehren“, schlussfolgert JA Shivu, der aus dem Süden von Indien angereist ist.
Vernetzung nötig
Dabei sei es wichtig, sich zu vernetzen zu einer internationalen Koalition, betonte Anwalt Oleshangay. „Als rein lokale Initiativen können wir nicht gewinnen.“ Die internationale Umweltschutz-Industrie sei schon gut vernetzt, sagte er mit Verweis auf großen Organisationen wie dem World Wildlife Fund (WWF) oder die Frankfurter Zoologische Gesellschaft, die vielerorts an Schutzprojekten beteiligt seien.
Dass ihre Erfahrungen jenseits von Herkunft und Sprache sich so ähneln, sehen die Konferenz-Teilnehmenden als Beleg dafür, dass sie unter dem gleichen Missstand leiden. „Ich habe das Gefühl, dass ihr alle über mein Dorf redet“, meldet sich ein Mann in traditioneller Maasai-Kleidung erstaunt zu Wort. Sie kehren in ihre Heimatländer zurück in der Hoffnung, gemeinsam etwas zu verändern.