Fußball-WM in Mexiko: Sportspektakel neben Massengräbern
Guadalajara (epd).

Die Cumbia-Musik aus dem Nachbarhaus dröhnt, als die Spitzhacke auf etwas Hartes stößt. Freigelegt werden: graue Nike-Turnschuhe, Größe 37, eine Goldkette mit dem Anhänger eines Heiligen. Dinge, die mutmaßlich einem 13-Jährigen gehörten, bevor er in einem verlassenen Haus in Tlajomulco endete. Von dem Jungen sind nur Knochenfragmente und sein Gebiss geblieben.

Es sind Mitglieder der „Guerreros Buscadores“, der „suchenden Krieger“, die hier graben: Angehörige von Verschwundenen aus dem Bundesstaat Jalisco im Westen Mexikos, die regelmäßig mit Spaten, Handschuhen und anonymen Hinweisen aus dem Netz ausrücken. Lupita Gutiérrez Avilo und vier weitere Mitglieder bilden einen Halbkreis um die Überreste des Kindes, fassen sich an den Händen und beten. Die 54-Jährige sucht ihren eigenen Sohn: José Manuel. „Seit vier Jahren, einem Monat und vier Tagen“, betont sie. Auf ihrem weißen T-Shirt ist sein Foto gedruckt.

Straßenblockaden und brennende Fahrzeuge

Tlajomulco ist ein schnell gewachsener Bezirk am südlichen Rand der Stadt Guadalajara. Wegen Zehntausender leerstehender Wohnungen trägt die Gegend den Spitznamen „Tschernobyl“. Sie steht exemplarisch für die Fehlentwicklung in der Region: halbfertige Straßen, Bauruinen, abgelegene Orte, an denen kriminelle Gruppen versuchen, ihre Spuren zu verwischen. Kein Zufall, dass die „Guerreros Buscadores“ hier immer wieder fündig werden. Im Bundesstaat Jalisco gelten laut staatlichem Register mehr als 16.000 Menschen als verschwunden, die höchste Zahl im ganzen Land.

Das Ausmaß dieser Krise wurde wenige Monate vor dem Anstoß zur Fußball-WM, die in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wird, schlagartig sichtbar. Am 22. Februar wurde „El Mencho“, der mächtige Anführer des Kartells „Jalisco Nueva Generación“, bei einem Militäreinsatz gefasst und starb auf dem Weg in die Hauptstadt. Die Reaktion des Kartells folgte unmittelbar: 252 Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge - in 20 der 32 Bundesstaaten. FIFA-Präsident Gianni Infantino kommentierte die Ereignisse kurz darauf knapp: „Wie überall passieren Dinge. Die Weltmeisterschaft wird ein unglaubliches Fest sein.“

Sterbliche Überreste rund ums Stadion

Gutiérrez Avilo und die „Guerreros Buscadores“ waren nur wenige Tage zuvor in Sichtweite des Estadio Akron unterwegs, jenem Stadion, in dem vier WM-Spiele ausgetragen werden und in dessen Umgebung die Gruppe seit Jahren sucht. Indira Navarro, die Gründerin, macht keinen Hehl aus ihrer Verbitterung: „Jetzt kommt die Weltmeisterschaft, und sie wollen die Funde der geheimen Massengräber rund um das Stadion herunterspielen - dabei sind wir nicht einmal einen Kilometer davon entfernt.“ Laut dem Angehörigen-Kollektiv wurden in der Region rund um das Stadion in den vergangenen Jahren 456 Tüten mit menschlichen Überresten gefunden. „Statt dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, finden oft wir die Beweise.“

Während die Suchenden graben, wird die Stadt für die Weltöffentlichkeit hergerichtet. Fassaden werden neu gestrichen, Plätze begrünt. Doch an Orten, an denen WM-Werbung prangt, hängen auch Fotos von Vermissten. Viele Angehörige ärgern sich darüber, dass sie diese Plakate nicht mehr überall anbringen dürfen. Einige sehen darin den Versuch, die Verschwundenen gerade jetzt weniger sichtbar zu machen.

WM ist „Glücksfall“ für kriminelle Banden

Mexiko verzeichnet offiziell mehr als 130.000 Vermisste. Die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum ließ die Zahlen vor der WM überprüfen und stufte nur noch rund 43.000 Fälle als aktuell aktiv ein. Angehörige und NGOs kritisieren, dass die Krise dadurch kleingerechnet werde. Und auch die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Es gebe „wohlbegründete Hinweise“, dass das Verschwindenlassen in Mexiko „weit verbreitet oder systematisch“ sei - und damit den Charakter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit annehmen könne.

Die Antwort der Regierung auf die Sicherheitslage ist vor allem militärisch. Sheinbaum stellte den „Plan Kukulkán“ vor: Rund 99.000 Einsatzkräfte sollen die WM absichern. David Mora, Mexiko-Experte bei der Denkfabrik Crisis Group, sagte dem kanadischen Radiosender CKOM News: Der Touristenstrom sei „gewissermaßen ein Glücksfall“ für die organisierte Kriminalität. Kartelle verdienten an Drogen, Sexarbeit und nutzten Großveranstaltungen zur Geldwäsche, etwa über Cateringfirmen, Shuttle-Dienste oder Sicherheitsunternehmen. Möglicherweise sorgt gerade dieses Eigeninteresse für relative Ruhe, solange die Welt hinschaut.

„Hunderte Familien sind zerbrochen“

Für Lupita Gutiérrez Avilo sind solche Überlegungen weit entfernt. Laut dem Nationalen Institut für Statistik und Geografie werden rund 90 Prozent der Straftaten in Mexiko nicht aufgeklärt. Seit mehr als vier Jahren hatte Gutiérrez Avilo nur vier Termine bei der Staatsanwaltschaft. Statt neuer Erkenntnisse wird sie dort gefragt, ob sie selbst Hinweise habe. Zuletzt fand ihr Kollektiv, nach einem anonymen Tipp, in einem verlassenen Haus die Leichenteile eines Uber-Fahrers, der seit 2022 vermisst wird.

Die Weltmeisterschaft, sagt sie, sei auch eine Chance: „Aber wir müssen laut bleiben. Die Menschen sollen wissen: Jalisco ist ein riesiges Massengrab, und in unseren Häusern bleiben viele Stühle leer. Hunderte Familien sind zerbrochen.“

Von Anne Demmer (epd)