50 Jahre Putsch in Argentinien: Erinnerungskultur unter Druck
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Erinnerungspark in Buenos Aires (Archivbild)
Berlin, Buenos Aires (epd).

Violeta ist pessimistisch. Die Regierung werde den 50. Jahrestag des Militärputsches nutzen, um die Verbrechen der Diktatur herunterzuspielen, sagt die argentinische Aktivistin und Soziologin, die nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden will. Sie hat große Angst, ihre Arbeit als vom Staat angestellte Wissenschaftlerin wegen kritischer Aussagen zu verlieren. Denn erstmals seit Ende der Militärherrschaft im Jahr 1983 stellt ein Staatschef die Erinnerungskultur massiv infrage.

Am 24. März 1976 putschte sich in Argentinien das Militär an die Macht und stürzte die bereits durch eine Wirtschaftskrise und politische Polarisierung geschwächte Präsidentin Isabel Perón. Während der Diktatur wurden laut Schätzungen bis zu 30.000 Menschen getötet, Oppositionelle verschwanden in Foltergefängnissen und ihre Leichen wurden ins Meer geworfen. Die Generäle rechtfertigten ihren Putsch mit der Gewalt linker Gruppen und sprachen von einem internen bewaffneten Konflikt. Diese Darstellung wird nun von der aktuellen Regierung des ultralibertären Präsidenten Javier Milei forciert.

„Wir wollen die ganze Geschichte erzählen“, beteuerte Milei seit seinem Amtsantritt 2023 wiederholt. Die Gewalt von linken Guerrilla-Organisationen aus den 1960er und 70er Jahren müsse als Beginn eines bewaffneten Konflikts gesehen werden. Der Putsch sei die Antwort darauf gewesen.

Aktivistin: Milei will Diktatur beschönigen

Diese Interpretation stütze die Regierung mit jüngst veröffentlichten Geheimdienstdokumenten, kritisierten Menschenrechtsorganisationen. Sie hatte die Publikation der Schriften aus den 70er und 80er Jahren vor einem Jahr angekündigt. Die am Donnerstag veröffentlichte erste Tranche sei politisch einseitig ausgewählt, sagte die Geschäftsführerin des Verbandes „Memoria Abierta“ (Offenes Gedenken), Verónica Torras, der Zeitung „Página 12“. Ziel sei es, den Eindruck zu vermitteln, die politische Gewalt habe vor dem Militärputsch begonnen.

Sie sei überzeugt, Milei wolle die Diktatur mit diesem Vorgehen beschönigen, sagt Violeta, deren Tante von der Armee festgenommen und ermordet wurde. „Ja, es gab bewaffnete Gruppen. Aber alle haben das Recht auf einen fairen Prozess.“ Das Schicksal ihrer Tante beschäftigte die Familie über Jahrzehnte. Violetas Großmutter engagierte sich bis zu ihrem Tod bei den „Großmüttern des Maiplatzes“, eine Organisation, die nach den Verschleppten sucht und den systematischen Raub von Kindern von Oppositionellen für regimetreue Familien aufdeckte.

Verurteilung der Diktatur Konsens

Im Gegensatz zu den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern hat in Argentinien eine Aufarbeitung der Diktatur stattgefunden. Führende Militärs wurden von Gerichten verurteilt, eine Erinnerungskultur entwickelte sich. Die Forderung „Nie wieder“ sei spätestens ab Mitte der 2000er ein fester Bestandteil der argentinischen Gesellschaft geworden, schreibt die Anthropologin Ana Guglielmucci. Rund 70 Prozent der Bevölkerung verurteilen die Militärdiktatur, wie eine Anfang März veröffentlichte Studie der Universität von Buenos Aires zeigt.

Manche Gruppen hätten bei der Aufarbeitung allerdings den Fehler begangen, den politischen Aktivismus der 1960er und 1970er Jahre zu stark zu glorifizieren und die Gewalt dabei zu ignorieren, erläutert Soziologin Violeta. „Dies hat ein Spannungsfeld geschaffen, das die Rechte genutzt hat, um ihre Interpretation zu rechtfertigen.“

Schlechte Menschenrechtsbilanz

Nun greift Milei als erstes Staatsoberhaupt den gesellschaftlichen Konsens und die Erinnerungskultur offen an, auch mit drastischen Kürzungen. So wurden im 1984 eingerichteten Staatssekretariat für Menschenrechte vor knapp einem Jahr ein Drittel aller Beschäftigten entlassen. Und auch die Gedenkstätten müssen um ihr Bestehen bangen.

Zugleich wächst die Kritik an der Menschenrechtspolitik allgemein. Die Milei-Regierung stelle Sparmaßnahmen und staatliche Kontrolle über die fundamentalen Rechte, kritisierte Amnesty International Ende 2025. Während die Kürzungen vor allem soziale Sektoren beträfen, nehme die Repression zu, unter anderem gegen Protestierende. Auch Journalisten und Journalistinnen sind davon betroffen. Im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen stürzte Argentinien von Platz 40 im Jahr 2023 auf Rang 87, hinter Katar, Thailand oder Senegal.

Von Malte Seiwerth (epd)