Tobias ist blind - Skifahren bedeutet für ihn Freiheit
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Skifahren trotz Behinderung
Dorsten, Münster (epd).

Tobias und sein Guide Antje Schaupp haben sich zum Skifahren im Kleinwalsertal in Österreich eine Piste ausgesucht, an der es ruhig zugeht. Mit eingängigen Kommandos dirigiert die Behindertenskilehrerin den Jungen in kurzen Schwüngen Meter für Meter bergab. „Geht, geht und hopp.“ Geradeaus fahren heißt „geht“. Außenski belasten und in die Kurve fahren heißt „hopp“.

Tobias, oder Tobi, wie den 15-Jährigen alle rufen, ist blind und schwerhörig. Über ein spezielles Mikro, das sie an einer Schnur um den Hals trägt, ist Antje Schaupp mit seinem Hörgerät verbunden. Zur Sicherheit gleitet die 59-Jährige mit dem Rücken voraus vor ihm abwärts. „Applaus, ganz großes Kino. Du machst das perfekt“, lobt sie.

Auf der roten Piste

Tobi erinnert sich noch gut an diese Szene aus dem vergangenen Frühjahr. „Mein Ziel war, zum ersten Mal eine rote Piste zu fahren. Das habe ich geschafft“, erzählt er stolz zu Hause in Dorsten bei Münster. Er vertraue zu hundert Prozent seinem Guide und spüre selbst, wann ein Pistenabschnitt steiler oder flacher werde. Das Skifahren habe ihn selbstbewusster gemacht, findet Tobi. „Ich spüre dann, wie viel ich trotz meiner Blindheit kann. Skifahren bedeutet für mich Freiheit.“

In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Der Anteil derer, die Sport treiben, liegt laut dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) deutlich unter dem der Gesamtbevölkerung. Zwar sind die Angebote für Para-Sport vielfältiger geworden. Aber es bestehen weiterhin strukturelle Hürden. Sportstätten sind häufig nicht barrierefrei, Übungsleiter nicht entsprechend ausgebildet. Nur wenige Vereine bringen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Niedrigschwelliges Angebot

Der Verein Adaptive Ski Academy mit Sitz in Münster, für den Skilehrerin Antje Schaupp ehrenamtlich tätig ist, macht Menschen mit Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen ein besonders niedrigschwelliges Angebot. Sie müssten weder Mitglied werden noch für die Anleitung und Begleitung beim Skifahren etwas zahlen, erläutert der zweite Vorsitzende Joachim Boos. Der Kinderonkologe hat den spendenfinanzierten Verein 2019 gegründet. Zuvor hatte Boos seit 1994 an der Uni-Klinik Münster Skifreizeiten für an Krebs erkrankte Kinder und Jugendliche organisiert.

Die Adaptive Ski Academy begleitet mittlerweile auch Skifreizeiten der Uni-Klinik Essen und von Schulen, organisiert Aktionstage in Skihallen und einmal im Jahr eine Skiwoche für Familien im Kleinwalsertal. „Ziel ist es, dass die beeinträchtigten Menschen langfristig eigenständig mit ihren Familien, Schulklassen oder Freunden Ski fahren können“, sagt Boos.

Paralympics als Bühne

Damit Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichsten Vereinen oder auch ganz unorganisiert selbstverständlich Sport treiben können, müsse sich auch die Gesellschaft mehr öffnen, sagt der DBS-Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska in einem Interview auf der Internet-Seite des Verbandes. Dazu könnten die am 6. März beginnenden Paralympics in Mailand und Cortina einen wesentlichen Beitrag leisten: „Wir wollen diese Bühne nutzen, um ein besonderes Licht auf den Para- Sport zu werfen - klar, kraftvoll, selbstverständlich.“

Vor allem die Berichte und Live-Übertragungen in den Medien sorgten für eine wachsende Popularität des Para-Sports und mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für Themen wie Barrierefreiheit und Inklusion, betont auch der Paralympics-Pastor und ehemalige Para-Tischtennistrainer Christian Bode aus Osnabrück. Er begleitet Sportlerinnen und Sportler seit mehr als 25 Jahren zu den Weltspielen. Er wünscht sich, dass die Spiele „mehr Vereine dazu motivieren, das scheinbar Unmögliche auszuprobieren“.

Herzensprojekt „Adaptive Ski Academy“

Vor vier Jahren war auch Leander Kress als Einbein-Skifahrer Teil des Paralympic-Teams. „Über den 17. Platz im Super-G habe ich mich riesig gefreut“, erinnert sich der Augsburger. Doch sein Herzensprojekt ist die Adaptive Ski Academy. Bei Joachim Boos hat Kress das Skifahren gelernt, nachdem ihm im Alter von sieben Jahren aufgrund einer Knochenkrebserkrankung das rechte Bein amputiert worden war. „Ich habe vorher immer gedacht, dass ich vieles nicht kann“, erinnert er sich. Durch das Engagement von Joachim Boos habe er erfahren, dass scheinbare Grenzen sich verschieben lassen.

Auch Tobis Ski-Karriere begann auf einer dieser Freizeiten. Er hat seine Sehkraft und Teile seines Gehörs durch einen Tumor verloren. Seine Mutter Anne weiß noch, dass sie zuerst mehr als skeptisch war. „Ich dachte, wir sind doch verrückt. Wir können doch nicht mit unserem blinden, krebskranken Sohn im Winter auf einer Hütte in den Bergen übernachten und ihn dann noch Skifahren lassen.“ Sie haben es dennoch probiert und sind seitdem fast jedes Jahr dabei.

Martina Schwager (epd)