Reittherapie: Auf dem Pferderücken ein Stück Leichtigkeit
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Reittherapie: Auf dem Pferderücken ein Stück Leichtigkeit
Burgdorf, Warendorf (epd).

Hannah Sichtermann führt das Norweger-Pferd Jua langsam an den Rollstuhl von Alexander heran. Der 15-Jährige besucht eine Schule für mehrfach beeinträchtige Menschen der Lebenshilfe in Hannover. Er hat das „5p-Minus-Syndrom“, kann nicht sprechen und ist kognitiv und in seinen Bewegungen eingeschränkt. Beim therapeutischen Reiten auf dem Reiterhof in Burgdorf trainiert er seine Muskeln und sein Selbstbewusstsein.

Jeden Freitag darf eine Gruppe von vier bis fünf Schülern der Schule Forst Mecklenheide auf den Hof Sichtermann in Burgdorf-Weferlingsen bei Hannover. Die Wirkung, die Pferde auf Menschen mit Behinderung haben, ist selbst für die 34-jährige Reittherapeutin Sichtermann immer wieder erstaunlich: „Wenn sie auf dem Pferderücken sind, sind Kinder, die im Rollstuhl sitzen, einfach über allen anderen“, sagt Sichtermann mit einem Lächeln. Sie geht neben Jua her und blickt zu Alexander auf. „Die gucken sonst immer auf den Bauchnabel von allen.“

Nachfrage nach Reittherapie steigt

Bundesweit wächst nach Beobachtungen der Sprecherin des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR), Elke Lindner-Trumpp, die Nachfrage nach pferdegestützter Therapie. „Wir beobachten insbesondere eine steigende Nachfrage in den Bereichen pferdegestützte Pädagogik, Heilpädagogik, Traumapädagogik und Psychotherapie.“

Das 1970 gegründete DKThR mit Sitz im westfälischen Warendorf betreut in Deutschland fachlich den Pferdesport für Menschen mit Behinderung. Der Verband setzte sich für eine zertifizierte Reittherapie, qualifizierte Fachkräfte und einen konsequenten Blick auf das Tierwohl ein, sagt Lindner-Trumpp. „Pferde sind keine Therapiegeräte, sondern sensible Lebewesen und aktive Partner im therapeutischen, pädagogischen und sportlichen Prozess.“

Reiten kann Spastiken lösen

Der Hof Sichtermann gehört zu den vom DKThR zertifizierten Einrichtungen. Dort schieben die Betreuerinnen der Lebenshilfe die 13-jährige Dimitra mit ihrem Rollstuhl über eine spezielle Rampe auf Höhe des Norwegers Jua. So können sie das Mädchen sanft auf das Pferd heben. „Anfangs konnte sie sich gar nicht so richtig halten, aber die Rumpfstabilität wird von Mal zu Mal besser“, erzählt Betreuerin Mareike Bugdahl.

Durch das Reiten würden die Motorik und Körperwahrnehmung der Kinder verbessert und das Selbstbewusstsein werde gestärkt, betont Hannah Sichtermann. „Die dreidimensionale Bewegung des Pferdes hat beim Reiten Einfluss auf den Körper. Diese kann sich auf den Reiter übertragen, das kann Spastiken lösen und insgesamt zum Wohlbefinden des Reiters beitragen.“

Gesetzliche Kassen übernehmen Kosten nicht

Obwohl die Wirksamkeit der Therapie nachgewiesen sei, sei sie im Heil- und Hilfsmittelkatalog der gesetzlichen Krankenkassen nicht enthalten, beklagt DKThR-Pressesprecherin Lindner-Trumpp. Die Finanzierung sei deshalb eine große Herausforderung. „Das führt dazu, dass viele Menschen auf wirksame Unterstützungsangebote verzichten müssen oder diese nur für begrenzte Zeit in Anspruch nehmen können.“ Privatversicherungen oder einige Unfall- und Pflegeversicherungen übernähmen die Kosten in vielen Fällen ganz oder teilweise, erläutert die Kuratoriums-Sprecherin.

An diesem Tag wird die Therapiestunde für die Schüler der Lebenshilfe durch die Spende einer Stiftung finanziert. Alexander klatscht schon erfreut in die Hände, bevor es für ihn aufs Pferd geht: „Er freut sich schon den ganzen Tag“, sagt Betreuer Timo Malecha.

Von Michelle Stebner (epd)