Hinter Schranktüren öffnet sich eine Welt, die Fernsehgeschichte atmet: Im alten Kinderzimmer seines Hauses in Merzenich bei Düren hat Josef Hilger die wohl größte private Sammlung zur Fernsehserie „Raumpatrouille Orion“ aufgebaut, der ersten deutschen Science-Fiction-Serie. Hier liegt das Bügeleisen, das als Teil des Maschinenleitstandes der Orion berühmt wurde und mit ihr durchs All flog. Es handelt sich dabei übrigens nicht um ein Rowenta-Bügeleisen, wie oft fälschlich berichtet worden sei, erklärt Hilger. Es ist das Model HS 1010 von Philips. Daneben finden sich Alltagsgegenstände, die für Orion-Fans legendär geworden sind: Anspitzer, Eisportionierer oder Elektrostecker.
Der 69-jährige frühere Elektroingenieur hat fast alle Beteiligten der Serie interviewt, Originalmaterial zusammengetragen und ein Buch verfasst, das bis heute als Standardwerk gilt. Als die Serie am 17. September 1966 startete, war er ein Kind. 60 Jahre später zieht er die Türen seines Schranks auf, der fast bis zur Decke reicht. „Wenn man nach einem Herz des Orionmuseums sucht, dann ist es das hier“, sagt er.
Standfotos, Drehbücher und Zeitungsausschnitte
Darin lagern Drehbücher, darunter auch französische Fassungen, Dialoglisten, Schauspielverträge und mehr als 3.000 Standfotos. Hinzu kommen Tausende Zeitungsausschnitte und Fernsehzeitschriften sowie Schriftwechsel mit Schauspielern, Regisseuren und Bühnenbildnern.
In einem weiteren Schrank liegen, sorgfältig zusammengelegt, Kostüm-Uniformen der Serie. Gezählt habe er sie nie, sagt Hilger, aber es seien wohl 50 bis 60 der einst rund 100 für die Dreharbeiten angefertigten Stücke.
Filmexperte: Gestalterische Naivität und unfreiwillig komische Dialoge
„Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein“, hieß es im Vorspann der Serie: „Hier ist ein Märchen von übermorgen.“ Die Abenteuer rund um das Raumschiff Orion mit Dietmar Schönherr als Major Cliff Allister McLane, Eva Pflug als Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk und Wolfgang Völz als Armierungsoffizier Mario de Monti haben nach Angaben der Bavaria Film teilweise Einschaltquoten von mehr als 50 Prozent gehabt. Sieben einstündige Folgen der deutsch-französischen Ko-Produktion gab es, alle in Schwarz-Weiß.
Für die auf dem Kommandostand verbauten Anspitzer und Bananenstecker war Filmarchitekt Rolf Zehetbauer verantwortlich. Mit ihnen konstruierte er die Bedienelemente des Raumschiffs. Die Tricks der Produktion waren so schlicht wie einfallsreich. Wenn die Orion im Film aus dem Wasser auftaucht, sorgt eine Brausetablette hinter dem Orion-Modell für die aufsteigenden Luftblasen. Mit wenig Geld entstand so ein Zukunftsentwurf der „Welt von übermorgen“.
Für viele ist die Serie noch heute Kult. Für den Filmexperten Georg Seeßlen liegt das auch an der eigentümlichen Mischung aus gestalterischer Naivität und oft unfreiwillig komischen Dialogen. Die Serie zeige jedoch auch, wie sehr die deutsche Unterhaltung damals noch in einem autoritären und konservativen Geist der Nachkriegszeit verhaftet gewesen sei - mit militaristischer Organisation, einem deutlichen Sexismus und scharfem Kommandoton, sagte Seeßlen dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Sammelleidenschaft eines Fans
Sammler Josef Hilger erinnert sich noch gut daran, dass er die ersten Ausstrahlungen der Serie vor 60 Jahren verpasste. Er habe dann Fernsehsendern geschrieben und um Wiederholungen gebeten, erinnert er sich. Später fragte er die Schauspieler nach Autogrammen. Mit einem anderen Orion-Fan fuhr Hilger von Köln nach München zu den Bavaria-Filmstudios, wo sie den Filmarchitekten Zehetbauer trafen. Der habe zu ihnen gesagt: „Jungs, wenn ihr den weiten Weg schon einmal hergekommen seid, dann könnt ihr auch gleich mal in den Fundus gehen und euch ein Kostüm aussuchen.“
Es folgten unzählige Briefe, Gespräche und Interviews mit Schauspielern, Regisseuren, Requisiteuren und Produzenten. Hilger stellte sich dabei als Vertreter eines „Orionmuseums“vor. Das habe die Türen weiter geöffnet, sagt er.
Wiedersehen im Kino
Um das Ende der Serie nach sieben Folgen ranken sich Gerüchte. Mal ist von politisch problematischen politischen Untertönen, von „faschistoiden Zügen“, die Rede, mal davon, dass eine in Schwarz-Weiß gedrehte Serie im Zeitalter des Farbfernsehens keine Zukunft mehr gehabt habe. Hilger verweist auf ein Gespräch mit dem einstigen Geschäftsführer der Bavaria Atelier GmbH, Helmut Jedele. Demnach sei die Produktionsfirma finanziell und personell an ihre Grenzen gelangt. Schon die letzte Folge habe nur mit Mühe finanziert werden können.
Die Serie wurde später mehrfach wiederholt. Ein Wiedersehen mit der „Orion“ gab es 2003 auch auf der Kinoleinwand, als ein um neue Szenen ergänzter Zusammenschnitt unter dem Titel „Raumpatrouille Orion - Rücksturz ins Kino“ veröffentlicht wurde.
Warum ihn die Orion bis heute nicht loslässt, darauf findet Hilger selbst nur eine annähernde Antwort. „Raumpatrouille Orion“ sei ein Gesamtkunstwerk, sagt er. „Das ist wie bei einem Briefmarkensammler. Der guckt sich die Dinger an und kann sie sich immer wieder angucken.“