Internetkunst und das Ende des Mainstream-Zeitalters
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Rafmann-Installation "Proof of Concept" von 2025
Erste Ausstellung des kanadischen Künstlers Jon Rafman in Deutschland
Düsseldorf (epd).

Ein Mann durchsucht das gesamte Internet, monatelang, jahrelang, nach einem einzigen Foto, dem Bild seiner Jugendliebe, die er selbst nie fotografiert hat. Die Orte ihrer gemeinsamen Reisen, Städte, Strände, Bauwerke besucht er wieder und wieder, virtuell, scannt historische Aufnahmen, Luftaufnahmen, Videoclips und Filme danach ab, ob das Mädchen irgendwo zu sehen ist. Vergebens. Während er keine Abbildung findet, bemerkt er am Ende, dass auch seine eigene Erinnerung das Bild der jungen Frau gelöscht hat. Jetzt ist sie ganz verschwunden.

Der kanadische Internetkünstler Jon Rafman erzählt diese Geschichte in einem Film in der ersten Überblicksausstellung seiner Werke in Deutschland, die bis zum 27. September im K21 in Düsseldorf zu sehen ist. Eine ganze Etage ist seinem Werk gewidmet. Für die Schau „Main Stream Media“ hat Rafman Bilder, Filme und Clips aus dem Internet sowie mit Künstlicher Intelligenz erzeugte Bildsequenzen zusammengestellt und sie mit eigenen Geschichten unterlegt. Sie handeln von der Macht der Bilder, die eigene Bilder der Erinnerung im menschlichen Gehirn überlagern und dann löschen.

Fotos, Clips, Bildsequenzen, meist von aufdringlicher Hässlichkeit, sind auf Teppiche, Stoffe und Plastik gedruckt. Von der Decke bis zum Boden sind sie auf fünf Räume verteilt. „Kein Quadratzentimeter wurde so belassen, wie er bei anderen Ausstellungen war“, sagte Kuratorin Doris Krystof.

Immer mehr Individualisierung ersetzt Gemeinschaftserlebnisse

Die Werke springen Betrachterinnen und Betrachter geradezu körperlich an. Der 45-jährige Rafman bezeichnet seine Arbeit als „Gesamtkunstwerk“ und bezieht sich auf europäische Künstler wie den Dadaisten Kurt Schwitters mit seinem raumfüllenden „Merzbau“. Rafman geht es aber nach seinen Worten nicht um eine momentane Überwältigung des Publikums, vielmehr will er auf die Auflösung eines gemeinsamen kulturellen Verständnisses hinweisen. „Jeglicher Mainstream im Sinne einer Kultur, die Menschen in den Gesellschaften gemeinsam erleben und sich daher darüber austauschen können, geht heute verloren und wird durch eine immer größere Individualisierung ersetzt“, so Rafman.

Selbst das Zeitalter des iPhones gehe seinem Ende entgegen, erwartet der Medienkünstler. „Jeder Mensch wird stattdessen einzelne, KI-gesteuerte Avatare als Kommunikationspartner haben, die von niemandem aus außer ihr oder ihm selbst geteilt oder verstanden werden.“ Diese Kommunikationspartner würden von Konzernen wie Netflix oder Google gesteuert und gehorchten den Interessen dieser Firmen. Überprüfbare Informationen gebe es daher nicht mehr. „In den USA haben die Nachrichten schon ihre Glaubwürdigkeit verloren,“ sagte Rafman.

Verlust gemeinsamer Bildwelten

Der Verlust eines Mainstreams sei auch in den Städten sichtbar, wo Einkaufszentren, die Gemeinschaftsräume der 1980er und 1990er Jahre, geschlossen würden. In roter Schrift auf rotem Grund gestaltet Rafman auf einem Wandbild eine Art Nachruf auf die „Shoppingmalls“.

Der Künstler, dessen Werk schon 2019 bei der Kunstbiennale in Venedig gezeigt wurde, ist 1981 in Montreal geboren. „Damit gehört er der Generation an, die noch eine Vorstellung von der Zeit haben, in denen Fernsehsendungen Gemeinschaftserlebnisse geschaffen habe,“ sagte Co-Kuratorin Karen Archey, die in den 2000er Jahren nach eigenen Angaben mit Rafman in Chicago studierte. Sicher sei für den Internetkünstler Rafman nur der Verlust gemeinsamer Bildwelten. Die Zukunft der Kultur als gemeinsamem Gut sei dagegen ein „offenes Feld“, heißt es in der Schau.

Die Bilder und Clips, die zu sehen sind, sind größtenteils brutal und hässlich. Eine Warnung weist darauf hin, dass einige Räume für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet sind.

Von Irene Dänzer-Vanotti (epd)