Familien, Vereine oder Zusammenkünfte: Gruppenbilder aus verschiedenen Jahrzehnten und von verschiedenen Orten sind im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen. „Menschen haben sich immer in ihren Gemeinschaften, Familien, Nachbarschaften oder Gemeinden dargestellt“, betont Kuratorin Linda Conze. „In der Zeit von Selfies ist das Teilen solcher Bilder eine Freizeitbeschäftigung geworden.“ Daher sei es wichtig zu erkennen, wie Gruppenfotos entstehen, wie sie Zugehörigkeit zeigen und Prozesse der Ausgrenzung verschleiern.
Auf den ersten Blick fällt meist gar nicht auf, wer nicht auf einem Gruppenfoto zu sehen ist. Der Fotograf Omar Victor Diop aus dem Senegal hat das zu seinem Thema gemacht und zeigt auf witzige wie bedrückende Weise, dass Menschen schwarzer Hautfarbe im Amerika der 1950er Jahre unsichtbar waren. Er hat sich als Afrikaner über Bildmanipulation in Alltagsfotos der amerikanischen Mittelschicht hineinkopiert. Seine Bilder täuschen eine Zugehörigkeit vor, die es in Wirklichkeit nicht gab. „Gruppenbilder zeigen, wer dazugehört und wer nicht,“ sagt Conze.
Einblicke in kaum sichtbare Leben
Auch in Deutschland spiele sich der Alltag schwarzer Menschen im Verborgenen ab, betont sie. Conze und ihr Team haben deshalb afrikanische Familien um private Fotos gebeten. „Sie ermöglichen einen Blick in das alltägliche Leben einer Gemeinschaft, die in der deutschen Gesellschaft kaum sichtbar ist.“ Die Ausstellung „Community - Fotografie und Gemeinschaft“ zeigt bis zum 25. Mai Gruppenfotos von 1880 bis heute.
Zum Gruppenfoto versammelt sich auch der Schwimmverein Rhenania in Köln. Die Fotografin Juliane Herrmann filmt den Entstehungsprozess, zeigt die kleinen Rangeleien, mit denen sich die stärkeren Mitglieder in den Mittelpunkt stellen, die schwächeren beiseiteschieben. Was auf dem fertigen Bild selbstverständlich erscheint, ist das Ergebnis eines zum Teil bewussten, zum Teil unbewussten Ringens um Aufmerksamkeit.
„Fotos dokumentieren Gemeinschaften und schaffen sie gleichzeitig,“ sagt Linda Conze. Das gelte für Gruppen, in die Menschen hineingeboren werden, wie Familien oder Nachbarschaften, und für solche, die frei gewählt sind, weil die Menschen ein Beruf oder Interesse verbindet. Immer sei das Erleben von Gemeinschaft mit Gefühlen verbunden. Erst in der Abbildung, die heute fast immer ein Foto oder Video ist, werde die Verbindung der Gruppe und ihrer Mitglieder untereinander sichtbar. Das mache Gruppenbilder so wertvoll.
Dorfleben im Wandel
Die Ausstellung zeigt auch Zyklen von Fotos des Dorfes Berka in Thüringen von 1950 bis ins Jahr 2021, aufgenommen von einem Laien, dem Müller des Dorfes, Ludwig Schirmer, seiner Tochter und seinem Schwiegersohn, die beide Fotografen sind. So entstehen Eindrücke vom Dorfleben in der Nachkriegszeit, der DDR und nach der Wende. Vieles in dem kleinen Ort blieb gleich. Das Schlachten von Schweinen etwa bringt die Nachbarn zu jeder Zeit zusammen, Feste werden gefeiert, die Ernte eingebracht. Ute Mahler, die in den 2020er Jahren ihre Heimat fotografierte, konnte aber auch dokumentieren, dass sich das Leben kaum noch auf der Straße abspielt, dass die Menschen vereinzelter und weniger selbstgewiss in ihrem Dorf wohnen.
Große Menschenansammlungen wurden seit der Zeit des Ersten Weltkriegs auch zu Propagandazwecken fotografiert. Die Ausstellung dokumentiert ein Bild, auf dem Männer so aufgestellt sind, dass, von oben gesehen, das Abbild eines Pferdekopfes entstanden ist. Es ist ein Werbefoto für die Armee. Aus Diktaturen sind solche Massenbildnisse bekannt.
Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher ein, eigene Gruppenfotos beizusteuern oder neue aus Gruppen aufzunehmen, deren einzige Gemeinsamkeit es ist, im selben Moment den Kunstpalast besucht zu haben. Absicht und Zufall bestimmen die meisten Gruppenfotos: Auch das wird bei dieser Schau zum Teil humorvoll, zum Teil erschreckend deutlich.