Zum Reformationstag warnt die Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Antje Menn, vor einer nationalistischen Auslegung kirchlicher Traditionen und ruft zu gesellschaftlicher Solidarität auf. „Eine Kirche der Reformation baut um Gottes und der Menschen willen keine Trutzburgen, sondern Schutzburgen“, erklärt die Theologin laut einem in Düsseldorf vorab verbreiteten Predigtauszug. „Sie schafft Orte, wo bange Menschen Gemeinschaft erfahren und denen, die Zuflucht suchen, ein Schutzraum gewährt wird.“
Menn erinnert in ihrer Predigt daran, wie das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ des Reformators Martin Luther (1483-1546) in der Geschichte militaristisch verzerrt worden sei. Im Nationalsozialismus hätten regimetreue Protestanten mit diesem Choral das „Tausendjährige Reich“ besungen. „Auf Straßen, Plätzen und Schlachtfeldern war es längst gegen seinen reformatorischen Ursprung nationalistisch und militaristisch vereinnahmt und politisiert worden“, schreibt die Theologin im Manuskript ihrer Predigt, die sie am Samstagabend im Weseler Willibrordi-Dom halten will.
Keine triumphierende Kirche
Eine Kirche der Reformation sei jedoch „keine triumphierende Kirche“, betont Menn: „Sie feiert nicht sich selbst und ihre tollen Taten. Sie feiert Gott, auf den allein sie gründet und der allein ihre Zukunft ist.“ Gefeiert werde ein Gott, „der die sieht, denen bange ist, der Schutzraum denen ist, die Zuflucht suchen.“
Der 46. Psalm, der Luther für sein Lied als Vorlage diente, beschreibe zudem, dass Gott sichere Orte biete, Krieg beende und Frieden schaffe, unterstreicht Menn. Der Psalm fordere Christinnen und Christen auf, „den Gott Israels als unseren Gott zu bekennen und all unser Vertrauen in ihn zu setzen“. Dies gelte auch angesichts heutiger Bedrohungen wie Klimakrise und Kriegen.
Am Reformationstag erinnern Protestanten in aller Welt an die Anfänge der evangelischen Kirche vor gut 500 Jahren. Um den 31. Oktober 1517 hatte der damalige Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen kirchliche Missstände verbreitet, die zum Ausgang einer christlichen Erneuerungsbewegung wurden.