Die evangelische Kirche wird nach Einschätzung des Kölner Stadtsuperintendenten Bernhard Seiger trotz abnehmender personeller und finanzieller Spielräume auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. „Ich glaube, dass die Leute das von uns erwarten“, sagte der leitende Theologe der knapp 220.000 Kölner Protestanten dem Evangelischen Pressedienst (epd). Auch eher kirchenfernen Menschen sei es wichtig, „dass sich die Kirchen für sozialen Zusammenhalt und eine menschliche Gesellschaft einsetzen, in der der Einzelne zählt“. Der Einsatz für Schwächere bleibe eine Aufgabe von Kirche. Allerdings müsse auch die diakonische Arbeit weniger werden, „wenn wir die Power nicht mehr haben“.
Kirchliches Leben verändere sich wegen der drastisch sinkenden Mitgliederzahlen, räumte der promovierte Theologe ein, der nach sieben Jahren an der Spitze des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region Ende des Jahres mit dann 63 Jahren in den Ruhestand geht. „Wir werden aber weiterhin geistliche Orte mit spiritueller Ausstrahlung haben, wo gleichzeitig viel Kommunikation und Feiern möglich ist.“ Zuversichtlich stimme ihn auch, dass viele junge Theologinnen und Theologen „für ihren Glauben brennen“. Es brauche Menschen, „die in der Lage sind, andere Leute auf ihrer spirituellen Suche anzuleiten“. Dann sei Kirche vital.
Kirche am Ball der Zeit
Die Kirche der Zukunft werde „weniger von Profis geprägt sein und mehr von Ehrenamtlichen“, erwartet Seiger. Er wünsche sich, dass Menschen merken: „Evangelische Kirche gibt Orientierung und Heimat und ist am Ball der Zeit.“ Wichtige Themen seien auch künftig die Ökumene, interreligiöser Dialog und der Kampf gegen Antisemitismus. „Und wir müssen einen Beitrag leisten, dass unsere Gesellschaft sozial bleibt.“
Zufrieden zeigte sich Seiger mit seiner siebenjährigen Amtszeit als Stadtsuperintendent, in der viel bewirkt worden sei. Als Beispiele nannte er die Anfang 2026 erfolgte Fusion der Kirchenkreise Köln-Mitte, Köln-Nord und Köln-Süd zum neuen Kirchenkreis Köln-Linksrheinisch und den millionenschweren Bau „Campus Kartause“, der noch in diesem Jahr eingeweiht werden soll. Ein wichtiges aktuelles Thema sei die Mitgliederbindung.
Antisemitismus entgegentreten
Besonders gefragt sieht Seiger die Kirche beim Einsatz gegen Antisemitismus. Es sei wichtig, „ganz treu und eng an der Seite der jüdischen Geschwister“ zu sein, sagte er. Es gelte, „immer wieder wach zu bleiben“, etwa in Schulen und Bildungseinrichtungen. Das Wissen über Antisemitismus und Judenhass müsse in die Öffentlichkeit vermittelt werden.
Seiger ist seit 2019 Stadtsuperintendent von Köln. Bereits seit 2008 leitet er den Kirchenkreis Köln-Süd, der Anfang dieses Jahres im neuen Kirchenkreis Köln-Linksrheinisch aufging.