Die Würde des Menschen sowie das Zusammenspiel von Gerechtigkeit und Frieden müssen nach Ansicht des Paderborner Erzbischofs Udo Markus Bentz vor Manipulation und der Ausgrenzung geschützt werden. Die von Papst Leo XIV. veröffentlichte Enzyklika bezeichnete Bentz in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) als „Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter“.
epd: Die neue Enzyklika von Papst Leo XIV. wurde zunächst vor allem als „KI-Enzyklika“ wahrgenommen. Sie sehen darin auch eine Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter. Können Sie das erläutern?
Bentz: Wann immer es in der Geschichte zu umwälzenden technologischen Umbrüchen kam, wie zum Beispiel bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, gibt es immer auch die zwei Extreme: Einerseits fast schon messianische Hoffnungen und andererseits apokalyptische Ängste. Das wundert nicht. Je massiver die technologische Innovation, umso größer der Umbruch im Zusammenleben der Menschen.
„Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter“
In seiner Enzyklika spricht Papst Leo ausdrücklich von den „neuen Dingen“, die unseren Blick auf den Menschen und das Miteinander der Menschen verändern. Er knüpft damit wörtlich an die erste große Sozialenzyklika seines Namensvorgängers Leo XIII. an. Also eine Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter.
epd: Was bedeutet das konkret?
Bentz: In der Enzyklika heißt es, es gehe nicht darum, ob diese technologische Innovation gut oder schlecht sei. Der Papst sieht sie als große Chance. Es stellen sich aber die Fragen, wer darüber die Macht hat und wie die Neuerungen eingesetzt werden. Der Papst fragt, wie neue Technik, Macht, Wirtschaft, Wahrheit, Frieden und Menschenwürde neu zusammengedacht werden können.
Tor geöffnet für Manipulation und Ausgrenzung
Der Papst legt den Finger in eine Wunde und spricht deshalb auch von neuen kolonialen Formen, die sich mit dieser technologischen Innovation verbinden. Die Chancen der Technologie für die Menschheit dürfen nicht durch ungezügelte Macht korrumpiert werden.
Dem Menschen und seiner Würde dienen
Machtmonopole schwächen globales Gemeinwohl
Seine prophetische Mahnung verknüpft er mit Selbstkritik und formuliert sogar eine Vergebungsbitte im Blick auf die Schuld der Kirche angesichts einer lange fehlenden Sensibilität für das Leid ausgebeuteter Menschen. Die Botschaft dazu: Wer gestern blind war und dies erkannt hat, muss heute umso wachsamer sein.
Neues Gesicht des Kolonialismus
Ein ganz wichtiger Passus sind die Ausführungen zur Friedensethik angesichts neuer, KI-gesteuerter Waffen. Der Papst warnt vor einer automatisierten Kriegsführung. Über Leben und Tod dürfen keine Algorithmen entscheiden. Statt Aufrüstung fordert er starke internationale Institutionen, verbindliche Regeln und Prävention. Offen aber bleibt, wie ein moderner Sicherheitsbegriff die Realität von Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit einbeziehen muss.
epd: Das heißt: Gerade jetzt bräuchte es starke internationale Organisationen. Wie kann eine Antwort auf die Schwächung des Multilateralismus aussehen?
Bentz: Wir brauchen starke Stimmen für das Völkerrecht. Alle gesellschaftlichen Kräfte guten Willens müssen dem Dialog und der Diplomatie wieder mehr Geltung verschaffen. Internationale Gremien müssen deshalb gestärkt werden. Es gibt einen längst überfälligen Reformbedarf des internationalen Systems.