Die Vorstellung der „Bibel in gerechter Sprache“ im Oktober 2006 stieß auf begeistertes Lob und wütenden Widerspruch. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) lehnte die neue Übersetzung ab. „Wir wurden unter Häresieverdacht gestellt“, erinnert sich die Mitherausgeberin und Professorin für Neues Testament und Theologische Geschechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Claudia Janssen. „Für viele Übersetzerinnen und Übersetzer war es das Ende der wissenschaftlichen Karriere.“
Der Rat der EKD hatte 2007 von dem Gebrauch der Übersetzung abgeraten und erklärt, die Gerechtigkeit bekomme als Übersetzungskriterium „den Charakter von vorgefassten Meinungen, die in den Text hineingetragen werden“. Nun schrieb die EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs, für die im September herausgekommene Jubiläumsausgabe das Grußwort. „Die Bibel in gerechter Sprache hat vielen Menschen neue Zugänge zu biblischen Texten geöffnet“, erkennt die EKD an. Die Übersetzung mache die aktive Beteiligung von Frauen am biblischen Geschehen sichtbar sowie die sozialen und politischen Kontexte, in denen die Texte entstanden sind. „Sie nimmt ernst, dass eine gerechte Sprache dazu beiträgt, Gottes befreiendes Handeln zu erkennen.“
Gerechtigkeit auch in Sprache
Dieses Motiv trieb die 54 Übersetzerinnen und Übersetzer Anfang des Jahrtausends an. Sie übersetzten die Bibel in fünf Jahren mit der Absicht, nicht nur dem Urtext gerecht zu werden, sondern auch den Geschlechtern, dem christlich-jüdischen Dialog und den sozialen Verhältnissen. Eines der Markenzeichen der Übersetzung ist, dass sie von Gott nicht als dem „Herrn“ spricht. Die Übersetzung verleihe der Vielzahl der biblischen Gottesbilder Ausdruck, die im Urtext mitschwingen, erklärt Janssen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ spricht von Gott etwa als „Adonaj“, „die Lebendige“, „der Ewige“, „die Heilige“.
Das Verständnis Gottes habe politische Relevanz, erklärt die Bibelwissenschaftlerin. Wenn der US-Präsident Donald Trump den Angriffskrieg gegen den Iran mit apokalyptischen Metaphern begründe, als sei er Vollstrecker eines göttlichen Gerichts, so benutze er ein herrschaftlich-männliches Gottesbild. „Das ist nicht der biblische Gott“, widerspricht Janssen. „Wie kann ich in der Gegenwart angemessen von Gott sprechen und dem Missbrauch und der Instrumentalisierung widersprechen?“, diese Frage habe die Übersetzerinnen und Übersetzer bewegt.
Wirkung auf andere Bibelausgaben
Die Erkenntnisse der „Bibel in gerechter Sprache“ seien auch nach 20 Jahren noch kein Allgemeingut, stellt die Theologin fest. „Im Alltagsgebrauch der Sprache wird gegendert, aber in der liturgischen Sprache heißt es 'Herr' und 'König'.“ Beim Gebrauch der neuen Übersetzung im Gottesdienst gebe es häufig Widerspruch aus der Gemeinde. „Wenn man sich auf die Übersetzung einlässt, wirft sie Fragen auf. Das ist eines der wichtigsten Dinge“, unterstreicht Janssen.
Das Werk habe eine starke Wirkung erzielt, bekräftigt die Marburger Neutestamentlerin Angela Standhartinger, die als Übersetzerin mitwirkte. „Es hat andere Übersetzungen in einen gewissen Zugzwang gebracht.“ So spreche Paulus in der Revision der Lutherbibel von 2017 nicht mehr nur die „Brüder“, sondern die „Brüder und Schwestern“ an, da mit dem griechischen Wort beide Geschlechter gemeint seien. 2021 habe die Deutsche Bibelgesellschaft das „Neue Testament jüdisch erklärt“ herausgegeben und auch damit ein wichtiges Anliegen der „Bibel in gerechter Sprache“ aufgegriffen.
Jubiläumsausgabe in 5.000 Exemplaren
Von der Übersetzung sind nach den Worten der Mitherausgeberin Janssen inzwischen mehr als 100.000 Exemplare verkauft worden. Die Jubiläumsausgabe 2026 bietet den Text der Überarbeitung von 2011 in einem neuen Einband an in einer Auflage von 5.000 Exemplaren.
Mit dem Werk sei „etwas Großes gelungen“, resümiert Janssen. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik oder der damalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, hätten sich dafür engagiert. „Da steckt eine Vision drin, die das Buch übersteigt“, sagt die Theologin. „In dem Projekt geht es um mehr als einen Text, es geht um Gerechtigkeit. Die Kraft ist weiterhin spürbar.“