Zockend mehr über Umwelt und Klima lernen
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Zockend mehr über Umwelt und Klima lernen.
Videospiele können zum Nachdenken und Handeln anregen
Köln, Leipzig (epd).

Noch fehlt dem kleinen Löwenzahn der Kopf. Ob er kommt und wann er blüht, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Nimmt er genügend Nährstoffe und Wasser auf? Gibt es eine Milbenseuche oder vermüllen Menschen die Umgebung? Wenn der Stresslevel zu groß wird, verliert er seine Blätter und stirbt. Wenn er aber auf die richtigen Fähigkeiten setzt, blüht er spätestens nach 50 Tagen.

Dieser Löwenzahn können Spielerinnen und Spieler im Videogame VIVID sein. Noch befindet es sich in der Entwicklung - eine Veröffentlichung ist für 2027 geplant. Eine Demoversion sollte am Mittwoch erscheinen. „Umweltschutz geht alle was an“, sagt Steven Listemann vom Entwicklerstudio Team Nava Games aus Leipzig. „Wir bräuchten 1,73 Erden, um wirklich nachhaltig weiterzuleben, was verrückt genug ist.“

Informationen auf Ladebildschirmen

Auch die Vereinten Nationen haben das Thema Videospiele und Klima für sich entdeckt: „Playing for the Planet“ („Spielen für den Planeten“) wurde 2019 beim UN Climate Action Summit in New York gegründet. Zu den Zielen gehört, die Videospielindustrie miteinander zu vernetzen, Nachhaltigkeit näherzubringen und zu zeigen, wie durch das Erzählen von Geschichten umweltbewusstes Handeln gefördert werden kann. Mittlerweile gehörten der Initiative 60 unterschiedliche Studios an, die rund 3,6 Milliarden Spielerinnen und Spieler erreichen, sagt Lisa Pak, Leiterin des operativen Geschäfts.

Sony Interactive entwickelte etwa das Gratis-Spiel „Climate Station“ für die virtuelle Realität. Anhand wissenschaftlicher Daten können von zuhause aus die Folgen des Klimawandels erlebt und verstanden werden. Bei einem jährlichen „Green Game Jam“ der Initiative integrieren Spieleentwickler in bereits bestehende Games Umweltthemen über Ladebildschirme, Belohnungen oder Geschichten.

VIVID ist ein Cozy-Survival-Game

Auch in VIVID soll man nebenbei lernen. Bisher gibt es ein Biom, den Mischwald, und eine Pflanze, den Löwenzahn. Im fertigen Spiel sollen es laut Listemann drei Pflanzen sein, über die die Community noch abstimmt, und drei Biome: Mischwald, Bergregion und Großstadt. „In der Großstadt hast du viel mehr Bestäubung, weil wir es irgendwie geschafft haben, durch Landwirtschaft so viele Insekten im Wald zu killen, dass es für Pflanzen mittlerweile angenehmer in der Großstadt ist“, erklärt er. „Es geht darum, das herauszufinden, indem du spielst.“

Die Pflanze kann sich spezialisieren und anpassen. Dafür sammelt sie mit der Zeit „Metabolismuspunkte“, die in einen Fähigkeitenbaum sowie Ressourcenaufnahme und -produktion investiert werden können. Ereignisse wie eine Hitzephase brauchen die passende Reaktion, um zu überleben. Ein Vorteil gegenüber dem echten Leben: Die Zeit kann gestoppt oder verlangsamt werden. VIVID ist sozusagen ein Cozy-Survival-Game, ein gemütliches Überlebensspiel.

Basis für die Pflanzen und Biome sind Recherche und Faktencheck. Zwölf Monate dauerte die Entwicklung des Prototyps. Zwei Monate dienten dem Lesen wissenschaftlicher Texte. Dann hätten sie Kontakt zum Biologiedidaktik-Institut der Universität Leipzig aufgebaut, um die Inhalte des Spiels zu prüfen, sagt Listemann. Jedes Spiel solle Spaß machen, es müsse aber auch korrekt sein. Der Spaß stehe bei VIVID im Vordergrund. Serious Games seien dagegen „Spiele, die am ehesten darauf abzielen, dass du lernst, und der Spaß ist untergeordnet“.

„Zocken gegen die Klimakrise“ als Hochschulreihe

Um kommerziell erfolgreiche Spiele zu Umwelt- und Klimathemen geht es seit 2023 auch in der Kursreihe „Zocken gegen die Klimakrise“ der Universität Witten/Herdecke. Jan P. Ehlers und Julia Nitsche bieten sie im Studium Fundamentale an. Wie Listemann findet auch Didaktiker Ehlers, dass Serious Games zu sehr den Bildungsaspekt fokussieren. In der Reihe gehe es darum, ein Game zu nehmen, miteinander darüber zu reden und sich irgendwann davon zu lösen.

Konkret suchen sich die Studierenden laut Bildungsforscherin Nitsche in Gruppen Games aus, spielen diese und berichten danach über aufgekommene Themen. Anhand des „Farming Simulator 25“ befassten sie sich beispielsweise mit der Effizienz von Landwirtschaft und der Romantisierung der Massenproduktion. Aus dem in einer Fantasywelt spielenden Rollenspiel „Baldur's Gate 3“ zogen sie das Thema Klimaterrorismus, beim Actionspiel „Grand Theft Auto V“ waren es Umweltverschmutzung in Städten und nachhaltiger Verkehr.

VIVID soll kontinuierlich wachsen

Team Nava Games sicherte sich für VIVID bisher Konzept- und Projektgelder über die Mitteldeutsche Medienförderung. Für die weitere Entwicklung wurde auf der weltgrößten Videospielemesse Gamescom unter anderem ein Publisher gesucht. Das fertige Spiel soll kontinuierlich wachsen: Neue Biome und Pflanzen sind als herunterladbare Inhalte geplant. Von Kakteen in der Wüste bis hin zu exotischen Pflanzen im Dschungel ist alles erlern- und vorstellbar.

Von Marc Patzwald (epd)