Wie Menschen mit Behinderung angehenden Ärzten das Zuhören beibringen
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Wie Menschen mit Behinderung angehenden Ärzten das Zuhören beibringen
Bielefeld (epd).

Bei der Frage, warum sie sich in der Medizinlehre engagiert, muss Antonia von Reden nicht lange überlegen. „Wer, wenn nicht wir, soll über die Belange von Menschen mit Behinderungen aufklären?“ Die 44-Jährige lag nach einem Sturz mit Kopfverletzung monatelang im Koma und musste mühsam wieder ins Leben zurückfinden. Als inklusive Lehrassistentin gibt sie an der Universität Bielefeld ihre Erfahrungen nun Medizinstudierenden mit auf den Weg. Was ihr wichtig ist: Sie möchte das Verständnis dafür fördern, was Menschen mit Beeinträchtigungen brauchen, wenn sie in ärztlicher Behandlung sind: „Ich bringe die Perspektive der Behinderten-Community in die Ausbildung ein und gebe ihr eine Stimme und ein Gesicht.“

In der Praxis heißt das: Sie und die anderen Lehrassistentinnen und -assistenten mit Behinderungen unterstützen Professoren in Seminaren und Vorlesungen, unterrichten Studierende im sogenannten Co-Teaching oder sind bei Tagungen dabei. An diesem Vormittag begleitet Antonia von Reden gemeinsam mit der Professorin Tanja Sappok eine kleine Gruppe Viertsemester, die an der Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Krankenhaus Mara in Bethel „Unterricht am Krankenbett“ haben. Dabei geht es immer wieder auch um die Kommunikation zwischen Arzt und Patienten, die in der inklusiven Medizin besonders wichtig ist.

Klare Worte, offene Ohren

Leichte Sprache, offene Ohren, sich auf das Gegenüber einlassen: Klinikdirektorin Sappok weiß, wie schwer es gerade Fachleuten fällt, einfach zu reden. Hier kommt Antonia von Reden ins Spiel. Die Lehrassistentin hört genau zu und hält auch schon mal eine Stopp-Karte hoch, wenn es zu kompliziert wird. Ihre Botschaft an die Studierenden ist unmissverständlich: Klare Worte wählen, jeden Behandlungsschritt ankündigen und anschaulich erklären, was als Nächstes passiert. Wenn die Worte nicht ausreichen, können zum Beispiel Piktogramme helfen. Und auch die „Sechs-Sekunden-Regel“ ist wichtig - also dem Gegenüber ausreichend Zeit für eine Antwort geben und nicht sofort ins Wort fallen.

Bundesweit neues Konzept

Nicht über, sondern mit Betroffenen reden und von ihnen lernen - das ist die Grundidee des „Forschungsprojekts zur Realisierung inklusiver Medizinischer Lehre“, das hinter der Arbeit steckt. Es wurde von 2024 bis April 2026 von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert. In dieser Zeit hat das Projektteam um Tanja Sappok und Christian Brandt, leitender Arzt der Universitätsklinik für Epileptologie, ein in der Medizin bundesweit neues Konzept erarbeitet. Drei inklusive Lehrassistenten - kurz ILAs - wurden ausgebildet und gemeinsam mit ihnen ein Curriculum entwickelt, um weitere Menschen zu qualifizieren. Der Kurs dauert zwölf Tage, die Lerninhalte reichen von medizinischem Basiswissen bis hin zur Rollendefinition.

„Die ILAs sind keine Simulationspatienten, und es geht auch nicht um ihre eigene Krankengeschichte“, betont Tanja Sappok. Die Aufgabe der Lehrassistenzen sei vielmehr, den Unterricht zu beobachten, Feedback zu geben und Studierende für inklusive Medizin zu sensibilisieren.

Patienten ernst nehmen und respektvoll behandelt

Zurück zum Unterricht am Krankenbett. Die Studierenden nehmen jetzt an einer Visite teil und sprechen mit einer Patientin, deren Vordiagnose Schizophrenie lautet. Die junge Frau ist seit rund einem Monat in der Uniklinik und freut sich, dass man ihr hier so gut zuhöre, sagt sie: „Dann traut man sich auch, mehr zu erzählen. Nur dann können uns die Ärzte und Pfleger ja helfen.“ In anderen Einrichtungen habe sie auch schlechte Erfahrungen gemacht, erzählt sie. Sie sei fixiert worden, es sei über ihren Kopf hinweg entschieden worden.

Patienten ohne Einwilligung oder Erklärung zu untersuchen, nur mit der Begleitperson zu sprechen oder sie ungefragt zu duzen - all das sind No-Gos, betont Antonia von Reden in der Nachbesprechung. Mit ihrer Arbeit möchte sie Diskriminierungen verhindern und dazu beitragen, dass Patienten ernst genommen und respektvoll behandelt werden.

„Als Arzt oder Ärztin bin ich für alle da“

Für die Studierenden ist ihr Einsatz eine Bereicherung: „Es ist wichtig, zu wissen, worauf ich bei der Kommunikation achten muss und Strategien zu haben, wenn Menschen sich nicht gut artikulieren können“, sagt einer der Medizinstudenten nach dem Unterricht am Krankenbett. Für seine Kommilitonin war die „Sechs-Sekunden-Regel“ ein guter Tipp: „Wir sind im Alltag oft gehetzt und in Eile.“

Auch wenn viele aus der Gruppe noch nicht wissen, welche Fachrichtung sie einmal einschlagen werden, ist klar: Als Ärztin oder Arzt werden sie an vielen Stellen Kontakt mit Menschen mit Einschränkungen haben. „Menschen mit Beeinträchtigungen in die Lehre einzubeziehen, empfinde ich für alle Beteiligten als wertvoll“, sagt Tanja Sappok. Sie möchte Studierende befähigen, auch diesen Teil ihres Berufs gut ausfüllen zu können: „Denn als Ärztin oder Arzt bin ich für alle da.“

Von Silke Tornede (epd)