Im historischen Weinkeller stand das dreckige Wasser bis zur Decke, die Maschinen der Abfüllanlage waren ruiniert. Im Büro, wo das Wasser hüfthoch gestanden hatte, waren alle Rechner mit Kundendaten und Geschäftsunterlagen zerstört. Die Kartons mit dem gerade abgepackten Wein des Vorjahres hatten sich in eine pampige Masse verwandelt, unzählige Flaschen lagen chaotisch im Schlamm verteilt. „Die Lager sahen aus wie nach einem Bombenangriff“, erinnert sich Wolfgang Külper an das Bild, das sich ihm im Juli 2021 beim Ahrweiler Winzerverein bot, als er dort zum Aufräumen eintraf.
Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Mit fortschreitendem Wiederaufbau des Ahrtals kehrt langsam so etwas wie Normalität zurück in die Region, doch für Külper und einige Mitstreiter geht die Arbeit weiter. Die Initiative „HelfAHRwein“ bewirtschaftet bis heute ehrenamtlich einen Weinberg, übernimmt dort Schnitt- und Pflegearbeiten sowie die Weinlese, vermittelt Rebstock-Patenschaften und leistet mit den Erlösen einen Beitrag zum Wiederaufbau.
Aus den roten Spätburgunder-Trauben oberhalb von Ahrweiler entsteht ein Blanc-de-Noir-Weißwein, die rund 1.000 Flaschen pro Jahr werden aktuell zum Solidaritätspreis von 18 Euro verkauft. Keiner der Mitwirkenden hatte anfangs wirklich Ahnung von der Arbeit in den Reben. Mittlerweile hätten alle aber mehrere Jahre „Lehrzeit“ absolviert, lobt der Betriebsleiter der Winzergenossenschaft, Alexander Müller, seine engagierten Helfer.
Dramatischer Hilferuf aus dem Tal
Dass es sich bei der gewaltigen Wasserwelle, die sich vom 14. auf den 15. Juli 2021 durch das idyllische Ahrtal im Norden von Rheinland-Pfalz ergoss, nicht um ein normales Hochwasser handelte, hatte der gebürtige Lübecker Külper 2021 kurz nach seiner Pensionierung sogar in seiner Wahlheimat Bonn spüren können. Selbst dort roch es kurz nach der Katastrophe am Rheinufer nach ausgelaufenem Heizöl, das aus dem überfluteten Tal fortgeschwemmt worden war. Nachdem er die E-Mail eines Bekannten mit einem dramatischen Hilferuf erhalten hatte, stieg er ins Auto und fuhr los zum Helfen. Arbeit gab es unendlich, denn in manchen Ortschaften waren praktisch alle Häuser überflutet worden: „Sechs Tage in der Woche war ich im Ahrtal. Einen Tag brauchte ich zum Wäschewaschen.“
Külper landete mit einigen anderen Freiwilligen beim Winzerverein in Ahrweiler, einer Genossenschaft, die Weinproduktion und Vermarktung für zahlreiche kleine Betriebe und nebenberufliche Winzer übernimmt. Deren Angestellte konnten sich anfangs nicht um die Räumarbeiten kümmern, denn nahezu alle waren auch privat von der Flutkatastrophe betroffen. Eines Tages kam die Idee auf, „Flutwein“ zu vermarkten. Annebet van Weerelt, die sich mit ihrer Wandergruppe zum Freiwilligeneinsatz im Ahrtal gemeldet hatte, staunte nicht schlecht, als ihr damals eine Aufgabe zugewiesen wurde: „Da stand auf dem Zettel, dass wir Flaschen waschen sollen.“ Und zwar nicht nur einige wenige, sondern insgesamt 200.000.
„Einen wahren Freund erkennst du in unsicheren Zeiten“
Schließlich griffen die Helfer den Ahrtal-Winzern auch bei der Pflege ihrer Weinberge unter die Arme, denn dafür hatte in den Wochen nach der Flut kaum jemand Kraft und Zeit, und die Weinlese 2021 drohte mancherorts zum Totalausfall zu werden. Weil sich die Mitglieder der Gruppe sympathisch waren und sie sich dem Tal und seinen Menschen verbunden fühlten, war die komplette Übernahme eines Weinbergs der nächste Schritt.
Am Ende jeder Weinlese fragen sich die Aktiven von „HelfAHRwein“, ob sie weitermachen. Bislang fanden sich für jede Saison genügend Freiwillige, die weder Wind noch Wetter noch die schweißtreibenden Wege an dem steilen Weinberg scheuen. „Selbst bei Gewitter ist es schön hier, wenn die Wolken von der Eifel hierherziehen“, berichtet Winfried Böhlefeld, der ebenfalls aus Bonn stammt und durch einen Sportverein mit dem Ahrtal verbunden ist.
Wer fünf Jahre nach dem Katastrophensommer das schwer in Mitleidenschaft gezogene Gelände der Winzergenossenschaft besucht, sieht auf den ersten Blick nichts mehr von dem Unheil. Die neue Vinothek hat ihre Türen für Kunden geöffnet, die Weinkeller beeindrucken mit ihren aufwendig verzierten hölzernen Riesenfässern. Eines davon haben die Hilfs-Winzer gestiftet. Darauf prangt der lateinische Spruch „Amicus certus in re incerta cernitur“, auf Deutsch: „Einen wahren Freund erkennst du in unsicheren Zeiten.“