Maß schlägt Mode
Schneider
Herrenschneider und Gewandmeister Dominik Häusler nimmt mass an einem Kunden in seine Atelier.
Warum Herrenschneider jeden Trend überdauern
Stuttgart (epd)

Sakkos und Hemden hängen in Reih und Glied, davor ein ausladender Holztisch, auf dem Maßband, Kreide und Wollproben liegen. Dominik Häusler beugt sich über den Stoff, zeichnet Linien mit fester Hand. «Nicht der Körper muss sich dem Anzug anpassen, sondern der Anzug dem Körper», sagt er. Für den 31-jährigen Herrenschneider kein Werbespruch, sondern festes Berufsethos: «Wer einmal einen Maßanzug getragen hat, will keinen billigen Konfektionsanzug mehr.»

Der gebürtige Brandenburger absolvierte seine Ausbildung bei «Hugo Boss», studierte später in Hamburg und machte sich 2024 selbstständig. Heute ist er der einzige Herrenschneider in Stuttgart - und der jüngste in ganz Deutschland, wie er sagt. Ein Meister seines Fachs, präzise, bedächtig, mit einem Gespür für Menschen und Proportionen. 38 Maße nimmt er für einen Anzug, bevor der erste Stich gesetzt wird.

Rechnet man alle Arbeitsschritte vom ersten Maßnehmen bis zur fertigen Auslieferung zusammen, stecken rund 60 Stunden Handarbeit in einem Stück. Ein maßgefertigter Zweiteiler beginnt bei 5.300 Euro; nach oben gibt es freilich fast keine Grenzen. Seine Stoffe bezieht Häusler aus Italien, England und Japan. Besonders exklusiv ist Vikunja, die wertvollste Wolle der Welt, die von frei lebenden zierlichen Lamas in den Anden stammt. Ein Anzug daraus liegt bei rund 50.000 Euro.

Maßarbeit als Statement gegen Wegwerfmode

Häusler sagt, die meisten seiner Kunden stammten aus einem wohlhabenden, eher traditionsbewussten Milieu - Menschen mit «altem Geld», wie er es nennt. Zugleich erlebe er, dass Maßarbeit auch jüngere Käufer anziehe, die sich bewusst für Qualität und Stil entschieden. Erst jüngst bestellte ein 18-Jähriger mit seiner Mutter einen Smoking für den Tanz in den Mai.

Dass das Herrenschneiderhandwerk nun in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, ist für viele eine überfällige Würdigung. Für Vera Grünwald aus Karlsruhe, ebenfalls Herrenschneiderin, bedeutet der Eintrag «eine große Wertschätzung unserer handwerklichen Tradition, unserer Arbeitstechniken und ihrer Weitergabe über Generationen». Maßarbeit, sagt sie, sei ein stiller Dialog zwischen Schneider und Träger und zugleich ein Statement gegen flüchtige Mode: «Wer maßgefertigte Kleidung trägt, setzt ein Zeichen gegen Wegwerfmode und die Verwahrlosung des Straßenbildes.»

Ein Handwerk sucht Nachwuchs

Woran man gute Maßarbeit erkennt? An den kleinen Dingen, die man oft erst auf den zweiten Blick bemerkt. Beim Hemd zeugen präzise gearbeitete Kragen und sauber gearbeitete Manschetten von handwerklicher Sorgfalt. Bei einem echten Maßanzug treffen Muster an den Nähten millimetergenau aufeinander, der Stoff fällt durch lose Einlagen aus Rosshaar ruhig über Schultern und Rücken, das Sakko behält auch in Bewegung seine Form. Und Knopflöcher, die sich öffnen lassen, verraten, dass hier nicht bloß Mode von der Stange verkauft wird, sondern handwerkliche Qualität bis ins kleinste Detail gedacht ist.

Rund 60 bis 100 Herrenschneiderbetriebe gebe es derzeit in Deutschland, schätzt Sandro Dühnforth. Der Hamburger ist Vorsitzender des Vereins «Die Herrenschneider», der Wettbewerbe und Workshops organisiert, um den Nachwuchs zu fördern.

Viele Auftragsbücher sind voll, aber Fachkräfte fehlen. «In einer Ära von Social Media ist es nicht leicht, junge Leute für das Handwerk zu begeistern», sagt Vera Grünwald. «Das Handwerk muss in den sozialen Medien mehr vorkommen», findet sie - nicht als Nostalgie, «sondern als Beruf mit Zukunft».

Das Maß, das bleibt

Der Modepublizist Bernhard Roetzel, Autor des Standardwerks «Der Gentleman», nennt den Maßanzug das «Optimum der Männermode». «Er übertrifft jede Konfektion - aber nur für den, der das Ritual der Handarbeit versteht», sagt er. Maßarbeit bedeute, sich Zeit zu nehmen für Stoff, Form und Haltung: «Sie ist das genaue Gegenteil unserer schnelllebigen Modekultur.»

In Stuttgart steht Dominik Häusler an der Schneiderpuppe, prüft die Schultern eines dunkelblauen Flanellanzugs. Durch das Fenster fällt milchiges Frühlingslicht, das Bügeleisen zischt, der Stoff glänzt matt. «Wenn alles sitzt», sagt er, «merkt man es kaum. Dann trägt sich der Anzug wie eine zweite Haut.» Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Kulturerbes: das Maß, das bleibt, während sich alles andere verändert. 

Von Matthias Pankau (epd)