Der Glaube im Chatbot
Unterhaltung mit ChatGPT
Unterhaltung mit ChatGPT - eine gezielt christlich programmierte Antwortmaschine kann schneller und hilfreicher sein.
Diakonie tüftelt an einer christlichen Künstlichen Intelligenz
Korntal (epd)

Am Anfang stand der Datenschutz. Dafür hat die Diakonie Korntal bei Stuttgart eine eigenständige Künstliche Intelligenz (KI) installiert. Doch inzwischen ist daraus eine kühne Vision geworden: Die Korntal-KI soll Menschen helfen, «den christlichen Glauben zu entdecken, zu verstehen und zu verteidigen», heißt es auf der Projektseite. Für diese christliche KI braucht die soziale Organisation nun frisches Kapital.

Doch was soll eine christliche KI können, was eine Allerwelts-KI wie ChatGPT nicht beherrscht? David Eschstruth, IT-Leiter der Diakonie Korntal, erklärt, dass auf bestimmten Arbeitsfeldern eine gezielt christlich programmierte Antwortmaschine schneller und hilfreicher sein kann. Als Beispiele nennt er die Erstellung von Materialien für den Religionsunterricht, Unterstützung beim Schreiben von Andachten und Predigten oder intime Fragen, die aus der Perspektive christlicher Seelsorge beantwortet werden sollen.

Hohe Ansprüche an Datenschutz

Gleichwohl räumt er ein: Auch die Giganten der Szene wie ChatGPT, Google Gemini, Grok oder Microsoft Copilot sind grundsätzlich in der Lage, in die Rolle eines christlichen Zuhörers zu schlüpfen und entsprechende Antworten zu geben. Nur müssen diese Marktführer für jedes Gespräch erst neu mit dieser Rolle gefüttert werden - sonst fallen sie wieder in ihren neutralen Standardmodus zurück. Bei der Korntaler KI ist die christliche Farbe schon einprogrammiert.

Zunächst ging es aber nur um Datenschutz insbesondere für die Klienten der Diakonie wie Hilfsbedürftige oder auffällig gewordene Jugendliche, erläutert Eschstruth. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es vertraglich verboten, persönliche Informationen in öffentliche KI-Modelle hochzuladen. Also legten sich die Korntaler einen zentralen Computer mit starker Rechenleistung zu und installierten darauf ein öffentlich verfügbares KI-Modell, das alles nur lokal speichert und nichts nach China oder in die USA weitergibt. Für die Belegschaft der Diakonie besteht der Vorteil darin, dass sie sich für viele Sachbearbeitertätigkeiten, zum Beispiel das Schreiben von E-Mail-Entwürfen, nun Hilfe holen können, ohne die Datensicherheit ihrer Klienten zu gefährden.

Wenn das Kochrezept mit einem Bibelvers garniert wird

Inzwischen ist den Korntalern klar: Daraus lässt sich mehr machen. Wenn man dem lokalen KI-Modell einprogrammiert, dass es seine Antworten auf Grundlage der Bibel, christlicher Bekenntnisse und grundlegender sozial-diakonischer Schriften geben soll - dann hat man eine christliche KI. Und die könnte auch außerhalb der Organisation von Interesse sein, für Pfarrerinnen, Religionslehrer, Missionswerke, diakonische Einrichtungen, Ehrenamtliche in der Jugendarbeit oder in der Nachbarschaftshilfe.

«Mit unserer KI wollen wir beim Chatten automatisch das christliche Weltbild sichtbar machen», sagt Eschstruth. Dass dieser Ansatz manchmal auch überraschende Blüten treibt, räumt er freimütig ein - etwa wenn bei der Frage nach einem Rezept das Sprachmodell nicht nur die Kochanleitung präsentiert, sondern das Ganze auch noch mit einem passenden Bibelvers garniert.

US-Firma «gloo» bereits an der Börse notiert

In den USA ist die christliche KI-Szene bereits deutlich weiter. Das Unternehmen «gloo» in Colorado will mit seinen Modellen die Glaubensszene unterstützen. Technologischer Treiber ist inzwischen der frühere Intel-Vorstandschef Pat Gelsinger. Beim Börsengang im vergangenen November erzielte die Firma eine Bewertung von über 580 Millionen US-Dollar. Die gloo-Chatbots geben nicht nur Antworten auf biblischer Grundlage, das Unternehmen bietet zudem etwa auch personalisierte KI-Modelle für Gemeinden und christliche Werke an.

Diese Dimensionen sind für die Korntaler noch weit entfernt. Aber jetzt sind sie immerhin am Start und suchen 100.000 Euro Kapital, um mehr Rechenleistung einkaufen zu können. Als Berater haben sie sich Professor Axel Ngonga vom Leipziger Institut für Künstliche Intelligenz geangelt. Er bringt laut IT-Chef Eschstruth unter anderem Dinge ein, an die man nicht zuerst denkt - etwa die Anpassung an die EU-Gesetze mit ihren besonderen Anforderungen an die Speicherung personenbezogener Daten. 

 

Von Marcus Mockler (epd)