Zunehmende Gewalt: Berlin baut Schutzkonzepte für Frauen aus
Berlin (epd).

Das Land Berlin möchte mit zwei neuen Frauenhäusern und zwei Beratungsstellen den Schutz für Frauen vor Gewalt erweitern. „Wir nehmen den Gewaltschutz hier in Berlin sehr ernst“, bekräftigte Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) am Mittwoch. Trotzdem: Es sei ein Thema, „das leider noch immer nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es bekommen müsste“, räumte sie ein.

Mit den beiden neuen Frauenhäusern, die im Sommer dieses Jahres eröffnet werden sollen, stünden in Berlin elf Frauenhäuser zur Verfügung. 276 Familienplätze böten Schutz für Frauen mit ihren Kindern, eine Verdopplung seit 2020. Die Zielvorgabe im Gewalthilfegesetz des Bundes bis 2032 mit einem kostenfreien Familienplatz pro 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner sei damit noch nicht erreicht. Dafür benötige die Stadt 390 kostenfreie Plätze, hieß es.

Plätze innerhalb von 30 Minuten vergeben

Die Leiterin des Frauenhauses „Bora“, Leyla Arslan, bekräftigte die positive Entwicklung der vergangenen Jahre: „Als ich angefangen habe, gab es sechs Frauenhäuser, dieses Jahr verdoppelt sich das fast“. Das Frauenhaus „Bora“ biete insgesamt 87 Plätze für Frauen und Kinder, die in akuter Gefahr sind. Oft kämen sie mit wenig Gepäck an, „manchmal auch nur mit einer Handtasche“, berichtete Arslan. Im eigenen Zimmer könnten sie zur Ruhe kommen.

Doch diese Zimmer seien immer noch rar. Wenn im „Bora“ ein Platz frei wird, „ist er innerhalb von 30 Minuten höchstens besetzt“, sagte Arslan: „Also er ist sofort weg, sofort.“ Die Plätze vergebe eine übergeordnete Stelle, trotzdem erhalte das Frauenhaus täglich zwischen zehn und 15 direkte Anrufe.

Mehr als 13.000 Opfer partnerschaftlicher Gewalt in Berlin

Zusätzlich werde das Hilfsangebot mit zwei neuen Fachberatungsstellen ergänzt. Der Verein „TIO“ schaffe eine Stelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt, die acht Vollzeitstellen umfassen werde. Zusätzlich baue der Verein „Wildwasser“ eine weitere Stelle auf. Damit gebe es stadtweit neun Fachberatungs- und Interventionsstellen bei häuslicher Gewalt.

Die Gewalt in Berlin nehme zu, erklärte die Senatorin. Zwischen 2024 und 2025 habe es einen Anstieg um 5,3 Prozentpunkte auf mehr als 13.000 Opfer partnerschaftlicher Gewalt gegeben. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung seien um 15,7 Prozentpunkte auf mehr als 8.500 Fälle angestiegen.

„Gewalt ist kein Einzelfallproblem“

Ein Mitglied der Fachgruppe Betroffenenexpertise, Jana Baumann, kritisierte den Umgang mit Gewalt. „Wir sprechen noch viel zu oft über Einzelfälle“, sagte Baumann. „Gewalt gegen Frauen ist kein Einzelfallproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches“, hielt sie fest.

„Aus Perspektive der Betroffenen sehen wir noch Handlungsbedarf“, erklärte Baumann und wies auf strukturelle Probleme hin. Es gebe zu wenig Fachwissen und zu wenige verpflichtende Weiterbildungen für staatliche Institutionen sowie zu geringe Ressourcen für Schutz und Prävention.

Gewaltschutz sei eine Frage von Sicherheit, Schutz und staatlicher Verantwortung, erklärte Kiziltepe. Jede Frau, die von Gewalt betroffen sei, müsse schnell und verlässlich Hilfe bekommen, betonte sie. Der nächste Schritt dafür sei die Umsetzung des Berliner Gewalthilfegesetzes, das noch vor der Sommerpause des Senats beschlossen werden solle.

Von Linn Manegold (epd)