Die Stadt Leipzig hat gemeinsam mit einem unabhängigen Expertenteam ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Aufarbeitung von Unrechtserfahrungen im Thomanerchor seit 1945 gestartet. Das Projekt soll „Erfahrungen mit Grenzverletzungen in Bezug auf körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt sichtbar machen“, teilte die Stadtverwaltung Leipzig am Mittwoch mit. Dazu werde an der Universität Leipzig ein Online-Zeitzeugenportal eingerichtet.
Ehemalige Thomaner sollen dort in einem geschützten Rahmen zu Erlebnissen berichten und Fragen zu ihrer Zeit im Thomanerchor beantworten können. Ziel sei es, ein „möglichst umfassendes Bild von Leid- und Unrechtserfahrungen“ im Chor und im Alumnat zu bekommen. Die Stadt Leipzig ist Trägerin des Thomanerchors. In den vergangenen Jahren waren mehrfach Missbrauchsvorwürfe innerhalb des Chores bekannt geworden.
Anerkennung des Leids der Betroffenen
Das Projekt soll auch erforschen, „unter welchen institutionellen, pädagogischen und sozialen Bedingungen Grenzverletzungen möglich waren und welche Strukturen Übergriffe begünstigt haben“, hieß es. Ebenso soll betrachtet werden, wie innerhalb des Chores mit entsprechenden Erfahrungen und Hinweisen umgegangen wurde. Im Mittelpunkt der Studie stehen den Angaben zufolge die Betroffenen und die Anerkennung ihres Leids.
Schließlich soll das aktuelle Schutzkonzept des Chores abgeglichen und weiter verbessert werden. Die wissenschaftliche Untersuchung ist an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig angesiedelt und wird von der Psychologin und Psychotherapeutin Heide Glaesmer geleitet.