Die Gewaltforscherin Merle Stöver sieht wohnungslose Menschen einer besonderen Gefahr ausgesetzt, Opfer von Gewaltverbrechen zu werden. „Menschen im öffentlichen Raum können sich nicht zurückziehen und sind daher in gewisser Weise schutz- und wehrlos“, sagte Stöver am Mittwoch in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele Taten seien nicht geplant, sie würden sich aus Gelegenheiten ergeben.
„Wir sprechen daher auch von Gelegenheitsverbrechen“, sagte Stöver, die am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld tätig ist. Aber Betroffene seien nicht zufällig Opfer, nur weil sie etwa zur falschen Zeit am falschen Ort seien. Ein Grund seien bestimmte Feindbilder, die viele mit Blick auf Wohnungslose hegten. Angreifer seien zum Teil überzeugt davon, dass Menschen ohne eigene Bleibe faul und nutzlos sind.
Taten mit folterartigen Zügen
Solche Taten stehen Stöver zufolge auch im Kontext dazu, wie soziale Debatten geführt werden, „mit welcher Kälte gerade über arme Menschen gesprochen wird“. Seit 1989 hat es laut der Gewaltforscherin in Deutschland 689 Tötungsdelikte gegen Wohnungslose gegeben. 382 der Taten seien von anderen Obdachlosen begangen worden.
Die Taten würden oft folterartige Züge annehmen und über mehrere Stunden ausgeführt. Die größte Gruppe der Opfer seien Männer, nicht zuletzt deshalb, weil mehr Männer als Frauen auf der Straße lebten. Oft gebe es Verschränkungen, etwa mit einem Migrationshintergrund.
Angriffe werden gefilmt
Bei den Tätern handele es sich vor allem um junge Männer, die oft unter Alkoholeinfluss und in Gruppen agieren. „Fast immer geht mit den Taten eine Erniedrigung des Betroffenen einher“, sagte Stöver. Oft würden die Angriffe gefilmt und in sozialen Medien verbreitet. Damit werde auch zu Nachahmung ermuntert.
„Gegen solche Angriffe hilft vor allem, dass Menschen Wohnraum bekommen“, sagte Stöver. Nach einem Vorfall gebe es meist vorübergehende Notlösungen, aber keine nachhaltigen Maßnahmen. Diese fehlten oft.
Ermittlungen nach Vorfall in Torgau
Im sächsischen Torgau war Ende April ein obdachloser und geistig beeinträchtigter Mann brutal angegriffen worden. Die Tat war in den vergangenen Tagen durch Videos in den sozialen Medien bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen acht junge Menschen im Alter von zwölf bis 18 Jahren, darunter eine Frau, wegen gefährlicher Körperverletzung. Der 37-jährige Mann hatte zahlreiche Verletzungen erlitten. Zwei mutmaßliche Täter befinden sich in Untersuchungshaft.