50 Jahre Frauenhäuser: "Der Ansturm war von Anfang an riesig"
Bundesweit erste Einrichtung dieser Art in Berlin-Grunewald
Berlin (epd).

Offiziell eröffnete das erste Frauenhaus Deutschlands erst am 1. November 1976. Doch schon am 3. Oktober habe die erste Hilfesuchende mit gepacktem Koffer vor der Tür der Villa in Berlin-Grunewald gestanden, sagt Karin Kaltenberg-Wulf, eine der Gründerinnen. „Bis dahin war uns überhaupt nicht klar, wie groß der Bedarf ist. Der Ansturm war von Anfang an riesig“, erinnert sie sich. Gewalt gegen Frauen war damals noch ein Tabu, das kaum diskutiert wurde.

„Viele Menschen glaubten, Gewalt gegen Frauen sei ein Randphänomen, das nur in bestimmten gesellschaftlichen Schichten vorkommt“, sagt Kaltenberg-Wulf, die für die Arbeit im Frauenhaus ihre Stelle als Erzieherin aufgab. Doch in der vom eigens gegründeten „Verein zur Förderung des Schutzes misshandelter Frauen“ angemieteten Villa seien Frauen aus allen Teilen der Gesellschaft aufgetaucht.

Männer randalierten vor dem Zaun

Die Einrichtung war ein mit Bundesmitteln finanzierter Modellversuch, zunächst auf drei Jahre angelegt und stets überfüllt. Bereits im ersten Jahr hätten mehr als 600 Frauen und Kinder in den 13 Wohn- und Schlafräumen Schutz gefunden, sagt Kaltenberg-Wulf. Aus Prinzip hätten sie niemanden abgewiesen. „Eine Frau unter Umständen in den Tod zurückzuschicken, das finde ich nicht vertretbar“, sagt die heute 78-Jährige. Notfalls hätten sie auf einer Couch geschlafen. Die Adresse hielten sie geheim, so gut es ging. Dennoch hätten manchmal Männer vor dem Zaun randaliert.

Das weltweit erste Frauenhaus war fünf Jahre zuvor im Londoner Vorort Chiswick entstanden. Dort hatte Erin Pizzey eigentlich einen Treffpunkt für Frauen gründen wollen, die Unterstützung brauchen. Doch schon nach kurzer Zeit kamen Frauen aus der Nachbarschaft dorthin, um ihr von Misshandlungen durch ihre Ehemänner zu berichten - und blieben. Daraus entwickelte sich das heute in vielen Teilen der Welt verbreitete Schutzkonzept.

Ursprünge in der Frauenbewegung

Die rund 20 Gründerinnen des Frauenhauses im Grunewald ließen sich davon inspirieren. Viele von ihnen engagierten sich in der Frauenbewegung, die unter anderem gegen das Abtreibungsverbot kämpfte. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem Frauen ihr Leben selbst bestimmen konnten. Auf Hierarchien zwischen Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen hätten sie deshalb bewusst verzichtet, sagt Kaltenberg-Wulf. Damit war die selbstverwaltete Einrichtung auch das erste autonome Frauenhaus.

Laut der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser sind heute schätzungsweise 140 der etwa 400 Frauenhäuser in Deutschland autonom. Die meisten anderen werden von karitativen Trägern betrieben. Doch die laut Frauenhausstatistik 2025 rund 7.800 Plätze in den deutschen Frauenhäusern reichen aus Sicht vieler nicht aus.

Im Jahr 2014 trat die sogenannte Istanbul-Konvention in Kraft, in der sich bis heute 39 Staaten zu ausreichenden Hilfsangeboten für Frauen verpflichten, darunter Deutschland. Ein Bericht des Europarats empfiehlt dafür mindestens einen Familienplatz pro zehntausend Einwohnerinnen und Einwohner. Für Deutschland wären das etwa 20.000 Plätze für Frauen und Kinder. Mit dem Gewalthilfegesetz wurde 2025 zwar auch ein Rechtsanspruch auf kostenfreien Schutz und Beratung bei häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt geschaffen. Dieser greift aber erst ab 2032. Laut Frauenhausstatistik fallen derzeit in rund 23 Prozent der deutschen Frauenhäuser Kosten für Bewohnerinnen an.

Heute auch digitale Gewalt im Fokus

Seit der Zeit der ersten Frauenhäuser hätten sich vor allem die Anforderungen verändert, sagt Kerstin Osterrieder vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam. „Digitale Gewalt und Überwachung ist heute ein großes Problem“, erklärt sie. Oft stellten die Täter Bewohnerinnen in Sozialen Medien nach. Das Potsdamer Frauenhaus müsse mittlerweile das Gepäck aller Neuankömmlinge auf Ortungschips sichten.

Die Atmosphäre sei jedoch anders, als viele vermuteten. „Unser Haus ist eigentlich ein sehr lebendiger Ort, den man sich als große Wohngemeinschaft vorstellen kann“, sagt Osterrieder. Dort werde nicht nur über Gewalterfahrungen geredet, sondern auch viel gelacht: „Für uns ist es ganz wichtig, dass im Frauenhaus Selbstbestimmung und Normalität entstehen. Denn das ist es, was die Frauen vorher nicht hatten.“

Bedrohte Frau können jederzeit wiederkommen

Das Frauenhaus im Grunewald schloss Ende 2000 aufgrund interner Konflikte sowie organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten. Doch seine Arbeit wurde fortgesetzt. Im vergangenen Jahr haben laut Frauenhausstatistik bundesweit etwa 13.440 Frauen sowie 15.280 Kinder und Jugendliche Schutz in Frauenhäusern gesucht.

Wie lange die Frauen in den Einrichtungen bleiben und wo sie danach hingehen, bleibt individuell. Dass einige auch in Gewaltbeziehungen zurückkehrten, hätten sie erst verstehen und akzeptieren lernen müssen, sagt Kaltenberg-Wulf. Dafür habe es verschiedene Gründe gegeben, die sie durch Erfahrungen und in Gesprächen erfuhren. So sei ein Grundsatz entstanden, der bis heute in Frauenhäusern gilt: Jede bedrohte Frau kann jederzeit wiederkommen.

Von Joris Ufer (epd)