Eine seit dem Zweiten Weltkrieg vermisste Jadekanne ist nach Gotha zurückgekehrt. Die Friedenstein Stiftung Gotha habe das kostbare Gefäß aus dem französischen Kunsthandel zurückerworben, teilte eine Sprecherin am Montag vor Ort mit. Zugleich präsentierte die Stiftung ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten zu Verlusten der Gothaer Kunstsammlungen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die rechtshistorische Untersuchung des Professors Thomas Finkenauer von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen untersuchte dabei insbesondere die sogenannte Verlustlinie „Entnahmen durch Angestellte 1948/49“. Im Ergebnis komme der Gutachter zu dem Ergebnis, dass Erwerbungen von Museumsgut durch Mitarbeiter in den Jahren 1948/49 nach dem Recht der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR unwirksam gewesen seien, sagte eine Sprecherin.
Stiftung könnte Herausgabe weiterer Kunstwerke verlangen
Auch nach dem damals fortgeltenden Bürgerlichen Gesetzbuch habe kein wirksamer Eigentumserwerb vorgelegen, weil die Gegenstände dem Eigentümer ohne dessen Willen abhandengekommen seien, führt das Gutachten aus. So könnten daraus bis heute Herausgabeansprüche der Friedenstein Stiftung bestehen, sofern ein Eigentumserwerb nach deutschem oder ausländischem Recht nicht eingetreten sei.
Die Sammlung auf Schloss Friedenstein und im Herzoglichen Museum hatte durch den Krieg und die Nachkriegszeit erhebliche Verluste erlitten. Das Gutachten unterscheidet dabei unter anderem zwischen Entnahmen durch die herzogliche Familie, Plünderungen durch sowjetische „Beutekunstbrigaden“ und Veräußerungen durch Museumsangestellte. Für weitere Diebstähle durch unbekannte Dritte gebe es für das Schlossmuseum Gotha dagegen keine Belege.
Seit 1656 auf Schloss Friedenstein nachweisbar
Unklar sind den Angaben zufolge nach wie vor die Umstände des Verlusts der nach Gotha zurückgekehrten Jadekanne. Sie gehöre zu einem sechsteiligen Ensemble aus geschliffenem Hartstein, das seit 1656 in der fürstlichen Kunstkammer auf Schloss Friedenstein nachweisbar ist. Sie gilt als eines der wenigen bekannten Beispiele für europäische Jadegefäße des 17. Jahrhunderts.
Die etwa 20 Zentimeter hohe Deckelkanne ist mit vergoldetem Silber gefasst. Ein Vogelkopf als Tülle, ein Löwe auf dem Deckel, eine weibliche Herme am geschwungenen Henkel und geflügelte Engelköpfchen schmücken das Gefäß. Künstler, Herstellungsort und genaue Datierung sind unbekannt. Vermutet wird eine Entstehung zwischen etwa 1600 und 1630 an einem deutschen Hof oder in einer Werkstatt in Augsburg oder Nürnberg.
Kunstwerk um 1950 in der Schweiz aufgetaucht
Die Kanne war laut Stiftung bis 1940 nachweislich in Gotha. Um 1950 sei sie in der Schweiz aufgetaucht. Über weitere Stationen gelangte sie 1986 in den Pariser Kunsthandel und schließlich in den Besitz eines dort ansässigen Privatsammlers. Dieser erkannte die Kanne 2021 in einem Katalog der Friedenstein Stiftung wieder und gab sie an den Händler zurück. 2023 nahm die Pariser Galerie Kugel Kontakt zur Stiftung auf. Nach erfolgreichen Verhandlungen konnte die Kanne nun nach Gotha zurückgeführt werden.
Der Rückkauf wurde von der Kulturstiftung der Länder, der Rudolf-August Oetker-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Galerie Kugel unterstützt. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt.