Mit rund 130 Arbeiten aus Film, Malerei, Skulptur und Fotografie widmet sich der Berliner Gropius Bau ab Donnerstag der Geschichte migrantischen Lebens in Kreuzberg. Die Ausstellung „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“ erzähle von Exil, Wohnungsnot und Ausgrenzung, aber auch von Selbstermächtigung, Solidarität und Gemeinschaft, teilte das Ausstellungshaus am Mittwoch mit. Gezeigt werden bis zum 17. Januar Werke von mehr als 40 Künstlern.
Ein Fokus der Ausstellung liegt auf dem Thema Arbeitsmigration und den sogenannten Gastarbeitern. Viele von ihnen ließen sich ab den 1960er Jahren in dem damals günstigen Berliner Bezirk Kreuzberg nieder, wo auch der Gropius Bau liegt. Die stellvertretende kuratorische Direktorin des Hauses, Patrizia Dander, erinnerte daran, beim Blick auf die globale Kunstgeschichte nicht die Geschichte des eigenen Umfelds aus dem Auge zu verlieren. „Ich glaube, in Kreuzberg, verbinden sich künstlerische Ansätze auf vielfältige Art und Weise“, sagte sie. Um einen Raum für Begegnungen zu schaffen, sei der Eintritt für Menschen aus Kreuzberg im ersten Ausstellungsmonat auf fünf Euro reduziert.
Arbeitskräftemangel durch Mauerbau verschärft
Ab Mitte der 1950er Jahre schloss die westdeutsche Regierung Anwerbeabkommen mit Ländern wie Italien und der Türkei, um den nach dem Zweiten Weltkrieg herrschenden Arbeitskräftemangel zu bewältigen. Nach dem Mauerbau 1961 verschärfte sich dieser Mangel noch. Laut Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung lebten 1971 bereits rund 50.000 türkischstämmige Menschen in Westberlin, zehn Jahre später waren es 120.000.
Der Gropius Bau zeigt nun Werke, die die Lebenswirklichkeit von eingewanderten Menschen aus vielen Teilen der Welt intensiv beleuchten. Die Skulptur „Metro“ von Ludmila Seefried etwa zeigt lebensgroße Menschen unterschiedlicher Herkunft, die in der U-Bahn eng beieinander sitzen. Gleichzeitig sind sie isoliert voneinander. Das Bild „Analphabeten in zwei Sprachen“ von Hanefi Yeter stellt zwei Schulkinder dar, die für die Herausforderungen der Schulsysteme und der neu hinzugekommenen Kinder stehen.
Umbrüche traten in Kreuzberg exemplarisch zutage
Kurator Gürsoy Dogtas sagte, er habe sich bei der Konzeption der Ausstellung die Frage gestellt: „Lässt sich eine Geschichte der Migration allein durch die Kunstgeschichte erzählen?“ Ihm sei es wichtig gewesen, auch die Netzwerke, Bezugsräume und Orte des Schaffens der Künstlerinnen und Künstler einzubeziehen.
Im Zentrum stehen den Angaben zufolge Künstlerinnen und Künstler, die in den 1970er und 1980er Jahren mit Stipendien, zum Studieren, aus politischen, ökonomischen oder familiären Gründen nach West-Berlin kamen. Ihre Werke behandelten zentrale Erfahrungen der sogenannten Gastarbeiter. An kaum einem Ort seien die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche in Westdeutschland so deutlich zutage getreten wie in Kreuzberg, hieß es. In dem Stadtteil seien im Kleinen Entwicklungen sichtbar geworden, die die bundesdeutsche Realität nachhaltig prägten.