Filme für das Land der Täter: 80 Jahre CCC Filmkunst
Berlin (epd).

Eigentlich sollte die Reise der Filmproduktion „CCC Filmkunst“ viel weiter gehen. Der englischsprachige Name, der sich hinter dem berühmten Kürzel verbirgt, lässt die Richtung erahnen: Die „Central Cinema Company“, gegründet am 16. September 1946, sollte sich in Hollywood etablieren. Ihr Gründer Artur Brauner (1918-2019) hatte gerade den Holocaust überlebt. Und dennoch gründete er sein Unternehmen in Berlin und blieb auch dort - im Land der Täter. Das wirkte sich nicht nur grundlegend auf die Filmindustrie, sondern auch auf das Gewissen der Bundesrepublik aus.

Sein erster Versuch, an die Schrecken der NS-Verfolgung zu erinnern, war der Film „Morituri“ (Regie: Eugen York) aus dem Jahr 1948. Er handelte vom Schicksal geflohener KZ-Gefangener, beruhte zum Teil auf Brauners eigenen Erfahrungen. Dafür nahm er Schulden auf. Doch der Film scheiterte an der Kinokasse. Die Gesellschaft war nicht bereit, sich der Vergangenheit zu stellen. Die Schulden konnte er erst fünf Jahre später zurückzahlen.

Wirtschaftswunder und die Schrecken der NS-Zeit

Aber Brauner verstand sich auf die Mischkalkulation, produzierte auch Filmoperetten und Komödien, die dem Publikum eine Flucht aus der Realität der Nachkriegszeit erlaubten. Daneben drehte er packende Krimis, die aktuelle Probleme aufgriffen. Er verfolgte kluge Visionen: Noch während der sowjetischen Blockade Berlins entschloss er sich, in Spandau bald dringend benötigte Ateliers zu errichten. Das erste befand sich ausgerechnet in einer ehemaligen Giftgasfabrik der Nazis. Die CCC-Filmkunst trug maßgeblich dazu bei, dass das deutsche Wirtschaftswunder sich auch im Kinogeschäft widerspiegelte.

Man legte ihm viele Hindernisse in den Weg. Ein jüdischer Filmproduzent, der in der Schoah 49 seiner Angehörigen verloren hatte, war dem restaurativen Zeitgeist nicht genehm. Das Porträt eines Branchenblattes dichtete dem 1918 im polnischen Lodz geborenen Produzenten 1950 eine unverfängliche Herkunft als Sohn eines rumänischen Kaufmanns an, der eine bewegte Kindheit durchlebt hatte. Dass Brauner den neu gegründeten Staat Israel und die zionistische Untergrundarmee Haganah finanziell unterstützte, wurde erst später bekannt.

Buhrufe für Filme über die Vergangenheit

Seine Versuche, die NS-Vergangenheit filmisch aufzuarbeiten, wurden noch bis in die 1960er Jahre bei Premieren mit empörten Buhrufen quittiert. Auch der Widerstand gegen Hitler war noch ein Tabuthema, als er 1955 in „Der 20. Juli“ (Regie: Falk Harnack) das Attentat auf Hitler spannungsvoll rekonstruierte.

Ansonsten folgte die CCC den Moden des damaligen BRD-Kinos, drehte Revuefilme mit Caterina Valente und Peter Alexander und verpflichtete die zugkräftigen Stars der Epoche - das Traumpaar Sonja Ziemann und Rudolf Prack sowie O. W. Fischer, Curd Jürgens, Ruth Leuwerik, Maria Schell und Heinz Rühmann. Literaturverfilmungen wie „Vor Sonnenuntergang“ (1956, nach Gerhart Hauptmann), „Es geschah am helllichten Tag“ (1958, nach Friedrich Dürrenmatt) sowie „Menschen im Hotel“ (1959, nach Vicki Baum) versprachen Renommee. Die CCC avancierte zur erfolgreichsten Produktionsfirma Europas und brachte zu Spitzenzeiten annähernd 20 Filme im Jahr heraus.

Hollywood-Regisseure aus dem Exil

Brauner bemühte sich, an die Filmtraditionen der Weimarer Republik anzuknüpfen. Mit dem Remake von „Mädchen in Uniform“ feierte er 1958 einen großen Erfolg. Er holte namhafte Regisseure aus dem Hollywood-Exil zurück nach Deutschland, darunter Fritz Lang und Robert Siodmak. Langs „Dr Mabuse“-Filme, die ihn als jungen Mann fasziniert hatten, ließ er gleich in Serie gehen - nicht zuletzt, um der Edgar-Wallace-Welle seines ehemaligen Produktionsleiters Horst Wendlandt Konkurrenz zu machen. Die CCC öffnete sich bald auch dem Fernsehen. Die Vermietung der eigenen Studios, die stetig erweitert wurden, bildete eine Grundsicherung in Krisenzeiten.

Sein Kosename Atze demonstriert, wie sehr Brauner zu einer öffentlichen Figur geworden war. Seine Autobiografie „Mich gibt's nur einmal“ wurde zum Bestseller. Derweil mehrte er sein Vermögen im Immobiliengeschäft, wo er so erfolgreich war, dass der Volksmund die Berliner Otto-Suhr-Allee in die Atze-Brauner-Allee umtaufte.

Holocaust-Drama „Block 10“

Als Produzent konnte er es sich nun leisten, zu seinem Lebensthema zurückzukehren. Nach dem Oscar-Erfolg von „Die Gärten der Finzi Contini“, den er mitproduzierte, begann er 1973, einen Zyklus von Filmen wider das Vergessen zu drehen. Mit Ausnahme von „Die weiße Rose“ (1982, Regie und Co-Produzent Michael Verhoeven) und „Hitlerjunge Salomon“ (1990, Agnieszka Holland) waren das Zuschuss-Geschäfte.

Brauner starb 2019 mit 100 Jahren. Die Gesamtproduktion von CCC Filmkunst ist einzigartig in der deutschen Filmgeschichte - ein stolzes Vermächtnis, das seine Tochter Alice Brauner fortsetzt. Am 5. November kommt die jüngste Produktion der CCC in die Kinos: das Holocaust-Drama „Block 10“.

Von Gerhard Midding (epd)