Es ist ein imposanter Bau im Herzen der Berliner Museumsinsel: Die Alte Nationalgalerie ist von Säulen umgeben und grenzt direkt an die Spree. Auf hohem Sockel und mit einer monumentalen Freitreppe wirkt sie wie ein dem Alltag entrückter Tempel. In ihr findet sich eine der wichtigsten Sammlungen von Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts, mit Werken von Monet, Renoir, Degas, Cézanne und Rodin, von Max Liebermann, Adolph Menzel und Caspar David Friedrich.
Wegen seiner Meisterwerke der deutschen Romantik und des französischen Impressionismus zählt das Haus heute zu den Publikumsrennern unter den Berliner Kunstmuseen, 2025 kamen gut 400.000 Besucher. Vor 150 Jahren, am 22. März 1876, wurde es im Beisein von Kaiser Wilhelm I. eröffnet.
Großes Jubiläumsfest
Der Geburtstag der Alten Nationalgalerie, die zu den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz gehört, wird mit einem großen Fest gefeiert. „Wir arbeiten hier mit und in einem Baukunstwerk höchsten Ranges. Das wollen wir im Rahmen des Jubiläumsfestes deutlich machen“, sagt Annette Hüsch, seit 2025 Direktorin der Alten Nationalgalerie. Geplant sind Führungen zum Bauwerk, aber auch eine Kabinettsausstellung zu der Malerin Hermione von Preuschen (1854-1918) und ihrem skandalumwobenen Werk, das in Vergessenheit geraten ist. Ihr Gemälde „Mors Imperator“ mit einem Skelett als Herrscherfigur wurde 1887 vom Vorstand der Berliner Kunstausstellung wegen Majestätsbeleidigung zurückgewiesen.
Der Bau der Alten Nationalgalerie spiegelt deutsche Geschichte: „Der deutschen Kunst“ lautet die Inschrift im Giebel und die Jahreszahl 1871 bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Kaiserreichs, das mit einer Nationalgalerie die Einheit der Nation mit der Kunst beschwören wollte. Ihren jetzigen Namen trägt sie erst seit wenigen Jahrzehnten: Da im Westteil Berlins 1968 der moderne Bau der „Neuen Nationalgalerie“ errichtet worden war, erhielt der Kunsttempel in Berlins Mitte mit der Wiedervereinigung der Museen nach 1990 den Namen „Alte Nationalgalerie“.
Friedrich Wilhelm IV. war der Ideengeber
Das Reiterstandbild auf dem Podest der Freitreppe feiert den Ideengeber für den Bau, König Friedrich Wilhelm IV., den kunstsinnigen „Romantiker“ auf dem Thron. Er hatte erste Skizzen für die Vision der Museumsinsel als „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ entworfen, in dessen Zentrum ein griechischer Tempel stehen sollte. 1841 legte Schinkel-Schüler und Hofarchitekt Friedrich August Stüler erste Pläne für einen „Bildungstempel“ als Stadtkrone der Museumsinsel vor.
Den Anlass für den Bau gab schließlich eine Schenkung: 1861 hatte der Berliner Bankier Johann Heinrich Wagner seine Kunstsammlung dem preußischen König und späteren Kaiser Wilhelm I. vermacht - mit der Auflage, sie in einem eigenen Gebäude unterzubringen. Stüler erhielt den Auftrag für die Errichtung einer Nationalgalerie. De Ausführung übernahm nach seinem Tod 1865 Hofarchitekt Johann Heinrich Strack.
Kuppelsaal zählt zu den Höhepunkten
Der Zugang erfolgt heute unterhalb der Freitreppe über die einstige Kutschendurchfahrt. Im Sockel mit der Eingangshalle befindet sich auch das erste Ausstellungsgeschoss mit der Skulpturenhalle, wo die Prinzessinnengruppe von Johann Gottfried Schadow die Besucher begrüßt.
Die monumentale Treppenhalle gibt dann die damalige nationale Orientierung vor: Der umlaufende Skulpturenfries schlägt als Heldenepos den Bogen von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Kaiserkrönung Wilhelms I. Im Hauptausstellungsgeschoss gehört der farblich ausgemalte Kuppelsaal mit seinen Öffnungen und halbrunden Nischen zu den Höhepunkten. Im Obergeschoss fasziniert heute die Raumfolge mit Oberlichtern, in denen die Meisterwerke von Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel präsentiert werden.
Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Alte Nationalgalerie war nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg das erste Haus auf der Museumsinsel, das nach 1945 wiederaufgebaut wurde. Nach der Wiedervereinigung erhielt das Museum eine Generalsanierung. Als erstes Museum auf der Insel - die seit 1999 Weltkulturerbe ist - wurde es zu seinem 125-jährigen Bestehen wiedereröffnet.
Die Architektur macht es heutigen Ausstellungsmachern nicht leicht, die Räume in einen Rundgang zu integrieren, insbesondere durch die Abfolge kleinerer Kabinette. „Das ist eine Herausforderung, die man sehr positiv nehmen kann“, urteilt Direktorin Annette Hüsch. Die Kunsthistorikerin begreift das Haus selbst als Denkmal und Teil der Sammlung des 19. Jahrhunderts. Die Alte Nationalgalerie: ein Monument deutscher Geschichte und Schrein der Kunst.