Die Papageiensiedlung: Vom Spottobjekt zum Welterbe-Anwärter
Berlin (epd).

Den Beinamen Papageiensiedlung verwenden die Bewohner des buntesten Quartiers von Zehlendorf heute liebevoll. In den 1920ern war er noch Ausdruck des Spotts. Mehrfarbige Reihenhäuser im Bauhaus-Stil waren in dem villenreichen Viertel damals nicht gern gesehen. Doch von dem Dünkel ist nicht viel geblieben: Bald könnte die Siedlung Weltkulturerbe werden.

Von Anfang an sollte es ein Begegnungsort sein. Bruno Taut (1880-1938), der federführende Architekt, strebte einen Gegenentwurf zu den beengten Verhältnissen vieler Berliner an: geräumig, lebenswert und dank serieller Bauweise erschwinglich. „Der Geist der Nachbarschaft ist hier schon immer stark gewesen“, sagt Ute Scheub. Die Journalistin und Mitgründerin des Kiez-Vereins lebt seit rund 30 Jahren in einem der bunten Reihenhäuser, von deren offenen Loggien und Gärten aus die Bewohner schnell miteinander ins Gespräch kommen.

Für Arbeiter gedacht, bei Künstlern beliebt

Die Waldsiedlung, so ihr offizieller Name, entstand zwischen 1926 und 1931 und war ursprünglich für Arbeiter bestimmt. Doch die grünen, gelben oder blauen Häuser zogen auch Künstler, Musiker und Schriftsteller an. Sie schätzten die Verbindung von Architektur und Natur auf dem ehemaligen Forstgelände. Immer noch säumen hohe Kiefern die Straßen und Gärten der rund 800 Reihenhäuser und 1.100 Geschosswohnungen. Auch die direkt in den U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ integrierte Ladenzeile war damals eine Neuheit.

Das Konzept polarisierte. „Es hat von Anfang an Stunk gegeben, weil die mehrheitlich konservativen Zehlendorfer hier keine Arbeiter wohnen haben wollten“, sagt Scheub. Schon um die Baugenehmigung musste Taut ringen. Ab 1928 ging dann der „Zehlendorfer Dächerkrieg“ durch die Presse. Eine bürgerlich-konservative Baugesellschaft setzte den flachen Bauten der Papageiensiedlung Gebäude mit spitzen Satteldächern entgegen. Als Reaktion auf die Widerstände baute Taut eine lange, geschwungene Reihe bunter Mehrfamilienhäuser - als „Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“.

Die Kehrseite des Welterbes?

„Taut hat damals auf einem ungewöhnlich hohen Niveau Wohnraum geschaffen, der noch heute eine besondere Qualität hat“, sagt der Berliner Landeskonservator Christoph Rauhut. Genau das schätzten die Bewohner der seit 1995 denkmalgeschützten Siedlung. Dass diese 2008 nicht gemeinsam mit den sechs anderen Berliner „Siedlungen der Moderne“ Unesco-Welterbe wurde, lag vor allem am schlechten Zustand vieler Fassaden. Der Wohnungskonzern Vonovia, dem mittlerweile ein Großteil der Mehrfamilienhäuser gehört, ließ sie sanieren. Die Waldsiedlung kam für eine Nachnominierung infrage. Manche Mieter sehen aber nun das soziale Erbe der Taut-Architektur durch die Verwaltung des Immobilienkonzerns bedroht. Als Kehrseite des Welterbe-Status fürchten sie langfristig steigende Mieten. Ein Sprecher der Vonovia-Tochter Deutsche Wohnen betonte auf Anfrage, es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Status und der Miethöhe.

Doch auch Scheub steht der Nominierung zwiespältig gegenüber: „Taut hat das Weltkulturerbe auf jeden Fall verdient, aber nicht den Prozess der Nominierung.“ Das Landesdenkmalamt habe die Eigentümer zu wenig einbezogen, Mieter gar nicht beteiligt. Zudem behandle der jüngste Denkmalpflegeplan Vorgaben etwa für Solarpaneele oder Markisen zu restriktiv. Rauhut verweist hingegen auf Bürgerwerkstätten und andere Dialogverfahren, mit denen man die Bewohner eingebunden habe.

100 Jahre Papageiensiedlung

Ob die Papageiensiedlung tatsächlich Weltkulturerbe wird, entscheidet sich auf der Unesco-Konferenz im südkoreanischen Busan, die vom 19. bis zum 29. Juli geht. Ihr 100-jähriges Bestehen in diesem Jahr wollen die Bewohner aber in jedem Fall feiern. Für den Sommer sind viele Veranstaltungen geplant, um die Nachbarschaft zusammenzubringen - getreu der Tautschen Philosophie: „Wie die Räume ohne den Menschen aussehen, ist unwichtig. Wichtig ist nur, wie die Menschen darin aussehen.“

Von Joris Ufer (epd)