DDR-Grenze im Gartenkunstwerk
Der Mauerbau zerstörte auch einen Teil des Parks Babelsberg
Potsdam (epd).

Landschaftspark am Havelufer, geschaffen von berühmten Gartenarchitekten: Der Park Babelsberg in Potsdam entstand ab 1833 nach Plänen von Peter Joseph Lenné (1789-1866) und Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871). Heute gehört das Gartenkunstwerk mit neogotischem Schloss und Blick auf die Glienicker Brücke zum Unesco-Weltkulturerbe. In der DDR zog der Mauerbau vor 65 Jahren dort schwere Schäden nach sich: Das Ufer an der Grenze zu West-Berlin wurde zum militärischen Sperrgebiet.

Nach dem 13. August 1961 seien in den grenznahen königlichen Potsdamer Gärten Anlagen eingeebnet, Gebäude abgerissen und dem Verfall überlassen worden, schreibt der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Christoph Martin Vogtherr, zu dessen Stiftung der Park heute gehört: „Entlang des Grenzverlaufs wurden Bäume gefällt und Vegetation chemisch vernichtet.“

„Völlig verwüstet“

Die betroffenen Bereiche im Park Babelsberg seien „völlig verwüstet“ worden, betont die Stiftung. Rund 14 Hektar der mehr als 100 Hektar großen Parklandschaft wurden durch die DDR-Grenzanlagen zerstört, mit langem Zaun, Postenwegen und Wachturm. Der Uferweg in Sichtweite der Ausläufer des West-Berliner Stadtteils Wannsee war nicht mehr öffentlich zugänglich. Das Grenzregime hinterließ tiefe Wunden in der kunstvollen Grünanlage.

Im Park Babelsberg habe es zu Mauerzeiten dann ein „verstörendes Nebeneinander von Volkspark und Grenzanlage“ gegeben, schreibt Vogtherr: „Schulklassen spielten auf den Rasenflächen am Pleasureground, während wenige Meter weiter im abgezäunten Gebiet Patrouillen die Grenze sicherten.“

„Border Zone“-Game

Um auch Jüngeren einen Zugang zur Mauergeschichte zu bieten, hat die Stiftung inzwischen eine Game-App mit Augmented-Reality-Technologie entwickeln lassen. „Border Zone“ heißt das Spiel, in dem die Zeit des Kalten Krieges mit interaktiven Elementen nachempfunden werden soll. „Entscheide selbst, wie du dich in Konfliktsituationen verhältst, und beeinflusse so die Handlung und den Ausgang des Spiels“, heißt es in der Beschreibung. Wer es startet, kann darin auch in Konfrontationen mit DDR-Grenzern geraten.

Die Vermittlung von Geschichte gehöre zu den Kernaufgaben der Stiftung, sagt Generaldirektor Vogtherr. Der Zugang dazu mit der App habe sich als guter Einstieg für Jugendliche erwiesen. Laut Stiftung haben bislang fast 600 Schülerinnen und Schüler an Bildungsangeboten mit dem Spiel teilgenommen.

Denkmal im Sperrgebiet

Thomas, Student aus Berlin, ist an diesem Tag in den Park Babelsberg gefahren, um mit „Border Zone“ etwas über die DDR-Geschichte zu erfahren. Auch seine Mutter, Lehrerin in den Sommerferien, ist dabei. Sie überlegt, ob sie die App im Unterricht verwenden kann. Doch das Experiment endet mit einer Enttäuschung, die App funktioniert auf ihren Geräten nicht.

Den früheren Grenzbereich sehen sie sich trotzdem an. Fast nichts erinnert dort an das Sperrgebiet. Allein das 1843 von Ludwig Persius (1803-1845) entworfene Dampfmaschinenhaus wirkt wie ein Relikt aus der Mauerzeit: Ziegel bröckeln, Zierelemente sind heruntergefallen, Risse durchziehen das Mauerwerk, Fensteröffnungen sind mit großen Platten verdeckt. Das Bauwerk wurde in der DDR dem Verfall preisgegeben, es stand im Grenzbereich und muss noch saniert werden.

Tote am Park

Am Havelufer wird überdeutlich, wie kurz der Weg durch das Wasser in den Westen gewesen wäre. Die „Chronik der Mauer“ erinnert an fünf junge Männer, die nach 1961 in der Nähe der Grenze am Park Babelsberg im Zusammenhang mit Fluchtversuchen ums Leben kamen. Der 19-jährige Rainer Gneiser, der 20-jährige Norbert Wolscht und der 20-jährige Günter Wiedenhöft wurden dort ertrunken im Wasser gefunden. Der 21-jährige Horst Körner wurde erschossen, nachdem er einen Grenzsoldaten erschossen hatte: Den 27-jährigen Rolf Henniger, der sich zu der Zeit wohl selbst mit dem Gedanken der Flucht in den Westen getragen hat.

Nach dem Fall der Mauer 1989 wurden die Grenzsicherungsanlagen im Park Babelsberg bis zum Sommer 1990 noch von der DDR-Armee NVA wieder abgebaut. Die gartendenkmalpflegerische Wiederherstellung dauerte danach noch fast anderthalb Jahrzehnte.

Von Yvonne Jennerjahn (epd)