Berliner Museum zeigt "Dschingis Khan und die Welt der Mongolen"
Berlin (epd).

Er nannte sich „ozeangleicher“ Herrscher und schuf innerhalb weniger Jahrzehnte ein gigantisches Weltreich, das sich von China über Zentralasien bis in die Ukraine erstreckte: der mongolische Herrscher Dschingis Khan (ca. 1167-1227). In Europa gilt er bis heute als brutaler Eroberer, in der Mongolei wird er als Nationalheiliger verehrt.

Vor bald 800 Jahren starb der mythische Feldherr und Staatsgründer. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin nimmt das zum Anlass für die Sonderausstellung „Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“, die in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel gezeigt wird und in Kooperation mit dem Dschingis-Khan-Nationalmuseum in Ulaanbaatar und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften entstand. Anhand neuester Forschungsergebnisse lädt sie ein zu einem differenzierten Blick auf den Herrscher und sein Nachwirken.

Von etablierten Mächten unterschätzt

„In Deutschland ist Dschingis Khan nicht mehr als die Gestalt aus dem Schlager“, stellt Museumsdirektor und Kurator Matthias Wemhoff fest. Er sei ein Herrscher, der aus dem Nichts heraus ein neues Reich mit Weltgeltung geschaffen, was von den etablierten Mächten lange unterschätzt wurde. Das will die Ausstellung vermitteln mit zahlreichen Objekten, darunter Schätze aus jüngsten archäologischen Grabungen, die erstmals außerhalb der Mongolei gezeigt werden und Einblick in die politische und kulturelle Entwicklung des Steppenreiches geben.

Die Schau setzt ein im Jahr 1241 mit der Schlacht bei Liegnitz (heute Polen): Mongolische Reiterheere waren bis 200 Kilometer südöstlich von Berlin vorgestoßen, metzelten nieder, was sich ihnen entgegenstellte. „Die Mongolen waren wendig, ein Reitervolk“, resümiert Anton Gass, Co-Kurator der Schau: „Das war eines der Erfolgsrezepte, warum sie gegen die Europäer gewonnen hatten.“ Mit Schilderungen der listigen Kriegstechnik, mit der die Reiterheere der Steppe den Rittern des Abendlandes das Schrecken lehrten, wird hier Militärgeschichte lebendig.

Funde aus jüngst entdeckter Grabanlage

Die folgenden farbenprächtig inszenierten Räume lassen die Besucher atmosphärisch eintauchen in die Steppenlandschaft der Mongolei. Zunächst geht es zurück ins 5. bis 9. Jahrhundert, die Zeit der Türk- und Uiguren-Reiche, die die ersten Steppenreiche in Eurasien schufen und deren Traditionen die Mongolen prägten. Die kostbaren Funde in einer erst jüngst entdeckten Grabanlage in der Steppe werden stimmungsvoll in einer rekonstruierten Grabkammer präsentiert.

Der größte Raum ist der Herrscherfigur Dschingis Khans und seiner Zeit gewidmet. Bildnisse sind nicht erhalten, aber die große Steinfigur eines Würdenträgers mit Mütze, Kelch und Tasche, den überlieferten Attributen, flankiert von Standarten, kommt ihm wohl nahe, glaubt Museumsleiter Matthias Wemhoff: „Der Steinmann des Gräberfelds von Tavan Tolgoi ist für mich der Inbegriff des mongolischen Fürsten, auch stellvertretend für Dschingis Khan.“

Zerstrittene Stämme vereint

Geboren wurde er unter dem Namen Temüdschin im Norden der heutigen Mongolei in einer Jurte, dem traditionellen Filzzelt der Nomaden bis heute. Vaterlos und ohne Bildung aufgewachsen, hatte er sich nach oben gekämpft, bis er 1205 zum Herrscher über alle Mongolen ernannt wurde mit dem Titel „Dschingis Khan“ - ozeangleicher Herrscher. Er vereinte die zerstrittenen Stämme Zentralasiens, baute einen militärisch strukturierten Staatsapparat nach Dezimalsystem auf, führte eine eigene mongolische Schriftkultur ein und erweiterte beständig sein Herrschaftsgebiet.

Mit der Pax Mongolica schuf Dschingis Khan ein geltendes Rechtssystem, das die Handelsrouten sicherte und neben der Religionsfreiheit die Stabilität des Reiches garantierte. Dschingis Khan brauchte auch feste Verwaltungsstrukturen: „Man kann zwar vom Sattel aus erobern, aber einen Staat nicht vom Sattel aus regieren“, zitiert Wissenschaftler Anton Gass die Erkenntnis des Herrschers, die ihn 1224 zur Gründung einer Hauptstadt veranlasste: Karakorum.

Das wichtigste Exponat ist für die Kuratoren die 1.280 Kilogramm schwere Steintafel mit persischer Inschrift von 1364, die erstmals die Gründung und den Ausbau von Karakorum erwähnt. Die Blütezeit seiner Hauptstadt hat Dschingis Khan nicht mehr erlebt. Er starb 1227 und ist an unbekanntem Ort beigesetzt. Den Fortbestand des Reiches sicherten seine Söhne und Nachfahren, bis es 200 Jahre später endgültig zerfiel.

Von Sigrid Hoff (epd)