Sie gilt als erster Kirchenbau für den protestantischen Gottesdienst. Insofern ist die Schlosskapelle im nordsächsischen Torgau ein Prototyp. Tatsächlich wurden viele evangelische Kirchen direkt nach ihrem Vorbild gebaut. Kein Geringerer als Martin Luther (1483-1546) nahm die Kapelle am 5. Oktober 1544 mit einer Predigt in den Dienst. Es ist der erste und einzige Kirchenneubau, den der Reformator persönlich eingeweiht hat.
Künftig könnte die geschichtsträchtige Kapelle zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Seit 2024 wird sie als Einzelantrag auf der deutschen Vorschlagsliste für das Welterbe geführt. Wenn alles planmäßig verläuft, könnte sie voraussichtlich 2030 von der Unesco anerkannt werden.
„Salomo hat nirgends so einen schönen Tempel gebaut, als Torgau hat“, soll Luther sinngemäß gesagt haben. Von außen ist die Kapelle allerdings kaum wahrnehmbar. Sie ist Teil einer geschlossenen Fassade im Schlosshof. Einzig das hölzerne Portal weist auf sie hin.
Original erhalten
Die Torgauer evangelische Pfarrerin Christiane Schmidt betont, dass die Kirche im Wesentlichen original erhalten ist. Während das Schloss mehrfach umgebaut wurde, blieb der Kirchenraum bestehen. Im Zentrum steht die Kanzel. „Das ist sehr symbolträchtig“, sagt die Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das Wort Gottes in Form einer Predigt hat in der reformatorischen Lehre eine besondere Funktion.
Heute werde die erhöhte Kanzel, die über einige Treppen zu erreichen ist, in regulären Gemeindegottesdiensten nicht genutzt - nur bei besonderen Festgottesdiensten wie etwa zum Reformationstag, sagt Schmidt. Als Pfarrerin sei sie lieber mit der Gemeinde auf Augenhöhe statt von oben herabzuschauen. Der Kanzelkorb zeigt Bildreliefs mit Szenen aus dem Leben Jesu, geschaffen von dem 1568 gestorbenen Bildhauer Simon Schröter.
Schmidt schätzt es, in einer historisch so bedeutenden Kirche arbeiten zu dürfen. „Es ist jetzt aber nicht so, dass ich jeden Morgen aufstehe und denke, wow, habe ich eine aufregende Kirche“, sagt sie. Bis zu 300 Menschen finden im Kirchenschiff und auf den Emporen Platz.
Torgau als politisches Machtzentrum
Torgau war im 16. Jahrhundert als Hauptresidenz der ernestinischen Kurfürsten das politische Machtzentrum der lutherischen Reformation in Sachsen. Johann Friedrich I. (1503-1554) habe unbedingt gewollt, dass Luther die Kirche einweiht, erzählt Schmidt.
Die Leiterin des Kulturbetriebs Schloss Hartenfels, Lydia Klöppel, sagt: „Die Torgauer Kapelle manifestiert baulich die Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche.“ Mit ihr wurde zum ersten Mal eine Kirche eingeweiht, die nicht umgebaut werden musste, weil sie vorher katholisch war. Laut Luther brauchte es nur einen Raum, um sich gemeinsam zu versammeln. Lediglich Altar, Kanzel und Orgel sind geschmückt und herausgehoben.
Schlichte Kapelle mit internationaler Strahlkraft
Ansonsten sei die Kapelle eher schlicht und unprätentiös gestaltet, sagt Klöppel. Deshalb werde „oft übersehen, dass sie so etwas Besonderes ist“. Sie sei nicht „in erster Linie ein Denkmal, sondern ein Ort gelebten Glaubens“. Die Kapelle habe auch international eine Anziehungskraft. Touristinnen und Touristen kommen Klöppel zufolge gezielt nach Torgau, um die Stätten der Reformation zu besuchen.
Die Schlosskapelle war nie zerstört. Dennoch ist nach fast 500 Jahren nicht mehr alles im Originalzustand. So etwa sei der Altar, der einem Brand zum Opfer fiel, rekonstruiert worden, sagt Klöppel. Er hat die Form eines einfachen Tisches. Ursprünglich ergänzte ihn ein Flügelaltar aus der Cranach-Werkstatt.
Doch dieser wurde schon im 17. Jahrhundert in die Dresdner Kunstkammer gegeben und durch ein Alabaster-Retabel aus der Dresdner Schlosskapelle ersetzt, das heute in rekonstruierter Form an einer Seitenwand aufgestellt ist. Die Kirchgemeinde nutzt die beheizbare Schlosskapelle von Oktober bis Pfingsten jeden Sonntag. In der übrigen Jahreshälfte trifft sie sich in der Torgauer Stadtkirche.
Wandmalereien entdeckt
Laut überlieferten Quellen waren die Wände der Kapelle von Anfang an komplett weiß getüncht. Doch vor einigen Jahren wurden Wandmalereien rund um die Orgel entdeckt. Restauratoren zufolge könnten sie zum Zeitpunkt der Einweihung schon vorhanden gewesen sein. Es werden sogar noch weitere Malereien vermutet - allerdings nur rund um die Orgel, nicht an den anderen Wänden.
Derzeit werde in einer Art Vorauswahlverfahren geprüft, ob die Schlosskapelle tatsächlich welterbewürdig ist, sagt Klöppel. Falls das Welterbe-Potenzial weiter gesehen wird, hat Torgau Zeit für einen Regelantrag bis zum Herbst 2027. „Mit dem Titel verbinden wir die Hoffnung, dass die historische Bedeutung der Stadt anerkannt wird“, sagt Klöppel. Doch schon die Nominierung sei „eine große Ehre“.