Der 18. August 1976 war ein warmer Mittwochvormittag. Im Talar gekleidet stand Pfarrer Oskar Brüsewitz (1929-1976) vor der Michaeliskirche in Zeitz und stellte ein etwa drei Meter langes Plakat auf das Dach seines Wartburg 311: „Funkspruch an alle...! Funkspruch an alle...! Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“
Der Pfarrer aus dem nahegelegenen Dorf Rippicha im heutigen Sachsen-Anhalt sorgte mit seinem Protest für einen Menschenauflauf. Laut Polizeiakten waren es bald mehrere Hundert Augenzeugen. Dann übergoss sich Brüsewitz mit Benzin und setzte seine Kleidung in Brand. Vier Tage später starb er im Alter von 47 Jahren an den Folgen der Verbrennungen. Das „Fanal von Zeitz“, wie es später genannt wurde, erschütterte nicht nur Kirchenmitglieder.
Hunderte gaben dem mutigen Pfarrer das letzte Geleit
Mit aller Macht versuchte die DDR-Führung zu verhindern, dass Brüsewitz zum Märtyrer wurde. Nichts durfte bekannt werden. Dennoch strömten die Menschen am 26. August nach Rippicha zur Beisetzung. „Wir wurden viermal angehalten, kontrolliert und streng befragt. Mit märchenhaften Lügen kamen wir durch. Später hörten wir von vielen, die aufgehalten worden waren oder sogar umkehren mussten“, erinnert sich Aribert Rothe, der wenige Tage später sein Vikariat in Leipzig begann.
„In Rippicha war der Friedhof buchstäblich schwarz voller Menschen. Es herrschte eine gespenstische Stille.“ Gut 80 Pfarrer im Talar und hunderte weitere Menschen gaben Oskar Brüsewitz das letzte Geleit. Auch ein Kamerateam des „Westfernsehens“ und weitere Journalisten aus der Bundesrepublik waren vor Ort. So wurde die Beisetzung des Pfarrers nahezu in jeden Haushalt übertragen - und damit auch die Kritik am SED-Regime.
DDR startete Kampagne gegen Brüsewitz
Das wollte die DDR, insbesondere SED-Chef Erich Honecker, nicht auf sich sitzen lassen, erinnert sich der spätere Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Und so begannen die DDR-Medien eine Schmutzkampagne und versuchten Brüsewitz lächerlich zu machen.
Unter dem Titel „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ wurden im SED-Organ „Neues Deutschland“ und in allen Bezirkszeitungen der DDR Unterstellungen gegen Brüsewitz sowie die Kirchen ausgewalzt. Diesen „Pfarrer, der nicht alle fünf Sinne beisammen hatte“, hätten bereits „Mitglieder seiner Gemeinde“ und „Amtsbrüder“ als „ungewöhnlich, ja anormal und als geisteskrank bezeichnet“, hieß es.
Mit ungewöhnlichen Aktionen füllte Brüsewitz die Kirche
Diesem Zerrbild widerspricht die Ruhestandspfarrerin Ursula Meckel entschieden. Sie kannte Brüsewitz gut, lebte selbst bis zum Sommer 1976 in Zeitz. „Er war ein ausgesprochen optimistischer und lebensfroher Mensch“, sagt sie. Brüsewitz habe eine mitreißende Art gehabt und Menschen um sich scharen können. Besonders die Jugend begeisterte er. Mit ungewöhnlichen Aktionen und seinem missionarischen Eifer füllte er die Kirche.
Ursula Meckel gehörte fast zur Familie, übernahm in Gottesdiensten manchmal die Predigt für Brüsewitz. Seine Stärke waren eher die Aktionen. So legte seine Kirchengemeinde gegenüber der Dorfschule einen Kinderspielplatz an - und der Pfarrer stellte ein Plakat daneben mit dem Jesus-Wort „Lasset die Kindlein zu mir kommen“. Seine provokanten Aktionen fanden aber auch beim damaligen evangelischen Superintendenten von Zeitz, Joachim Hildebrandt, wenig Anerkennung. Dieser sei mehr ein Anhänger der angepassten Linie „Kirche im Sozialismus“ gewesen, erinnert Noack.
Kirche hat Brüsewitz nicht „verraten“
Einige Buchautoren und Kritiker wie Helmut Müller-Enbergs und Wolfgang Stock erweckten später den Eindruck, dass die damalige Kirchenleitung Brüsewitz förmlich „verraten“ hatte. Der Regisseur und Dokumentarfilmer Thomas Frickel widerspricht dem. Er hatte Anfang 1990 mit Recherchen in Zeitz begonnen. Über ein Jahr lang führte er Interviews mit Angehörigen, Pfarrkollegen, Nachbarn, Kirchenvertretern und Mitarbeitern staatlicher Stellen.
Sein dokumentarischer Film „Der Störenfried“ verdeutlicht auch das große Interesse der DDR daran, dass sich die Kirche von Brüsewitz distanzierte. „Doch das hat man nicht gemacht“, sagt Frickel. Stattdessen bekräftigte Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917-2003) 1976 beim Begräbnis: „Wir distanzieren uns von Bruder Brüsewitz nicht.“ Von Bäumlers Ansprache war auch Aribert Rothe überrascht: „Eine solche warme und kluge Anteilnahme hatte ich nicht erwartet.“
Protest gegen Kuschelkurs von Kirche und Staat
Der Versuch der SED-Führung, Brüsewitz als geistesgestört hinzustellen und lächerlich zu machen, habe „natürlich ganz viel Empörung ausgelöst“, sagt Axel Noack. Es setzte eine Debatte ein zum Verhältnis von Staat und Kirche sowie zur Deutung der Tat von Oskar Brüsewitz. Und viele meinten, „er hat protestiert gegen den Kuschelkurs von Kirche und Staat“, so Noack.
Auch nach Einschätzung der Leiterin des Landesarchivs der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Christine Neuß, muss die diffamierende Sicht auf Brüsewitz gründlich revidiert werden. Die rund 1.000 Seiten Akten im Kirchenarchiv belegten vielmehr, dass er „ein freiheitssuchender, ja, ich würde sogar sagen, ein freiheitsgieriger Mensch“ gewesen sei.
Am 18. August jährt sich die Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz zum 50. Mal. An der Gedenkstele vor der Michaeliskirche in Zeitz beginnt das Gedenken traditionell um 11.55 Uhr und wird mit einem Requiem in der Kirche fortgesetzt.