Landesbischof Friedrich Kramer hat beim Jahresempfang der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für mehr Vertrauen in der Gesellschaft geworben. Deutschland und die Welt erlebten derzeit eine Welle des Misstrauens, sagte der leitende Geistliche am Dienstagabend in Erfurt.
Vor rund 250 geladenen Gästen aus Kirche, Politik und Gesellschaft betonte Kramer, viele Sachverhalte seien heute so komplex, dass kaum noch nachvollzogen werde, wie sie entstanden seien. Die Mechanismen Künstlicher Intelligenz (KI) oder etwa die Ursachen von Kriegen und Krisen seien meist hochkomplex und erzeugten Verunsicherung und Misstrauen. Diesem Gefühl müsse Vertrauen entgegengesetzt werden. „Denn ohne Vertrauen können Menschen nicht leben“, sagte der Landesbischof.
Zusammenschluss der Misstrauischen
Das menschliche Bedürfnis, einander zu vertrauen, zeigt sich laut Kramer paradoxerweise in dem Umstand, dass sich sogar grundsätzlich misstrauische Menschen zu Gemeinschaften zusammenschließen. Gemeinsam werde dann nach Alternativen zum Bewährten gesucht. Der Erfolg bleibe jedoch aus. Denn Misstrauen zerstöre soziale Beziehungen, Wohlstand und vermeintliche Sicherheiten.
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) erinnerte in seinem Grußwort an die Rolle der Kirchen während der friedlichen Revolution von 1989. Die Kirchen seien damals keine Zuschauer gewesen, sondern Orte, an denen Menschen Mut fassen konnten. Auch heute könnten sie Antworten auf Fragen geben, die die Politik allein nicht beantworten könne. Das betreffe etwa die diakonische Arbeit oder die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Glaube als Quelle der Zuversicht
Der Thüringer Landtagspräsident Thadäus König (CDU) verwies auf die unsichere Weltlage als Grund für eine wachsende gesellschaftliche Verunsicherung. In der Vergangenheit hätten sich Menschen in Krisenzeiten den Kirchen zugewandt. Das sei diesmal nicht der Fall. Stattdessen werde Zuflucht bei einer Partei gesucht, die in Sachsen-Anhalt ernsthaft die Abschaffung von „überflüssigen christlichen Feiertagen“ zugunsten von Sonnenwendfeiern diskutiere.
Auch wenn sich diese Kräfte in der AfD bisher nicht durchsetzen konnten, zeige das die Geisteshaltung von Teilen der Partei. König betonte demgegenüber die Kraft des Glaubens als Quelle tief begründeter Zuversicht. „Der Glaube schenkt Gemeinschaft und spricht jedem Menschen seine Würde zu“, sagte er.
25 Prozent der Thüringer sind Kirchenmitglieder
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland entstand 2009 aus dem Zusammenschluss der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Nach eigenen Angaben gehörten ihr Ende 2025 rund 552.000 Mitglieder in mehr als 3.100 Kirchengemeinden und 30 Kirchenkreisen an. In Thüringen gehören derzeit 25 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner einer der beiden großen christlichen Kirchen an.