Zwickau gedenkt der NSU-Opfer
Zwickau, Berlin (epd).

Im sächsischen Zwickau ist am Mittwoch an die Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) erinnert worden. Zu einer Gedenkveranstaltung im Dom St. Marien versammelten sich am 15. Jahrestag des Auffliegens der Terrorzelle rund 150 Menschen, darunter auch Angehörige der Getöteten. Im Anschluss war ein stilles Gedenken an den Bäumen für die Mordopfer des NSU im Schwanenteichpark geplant.

Die Zwickauer Oberbürgermeisterin Constance Arndt (Bürger für Zwickau) sagte: „Wir sind noch heute fassungslos, dass drei rechtsextreme Terroristen - die jahrelang unter uns lebten - zehn Menschen brutal ermordeten, drei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle verübten.“ Am Gedenktag sei es wichtig, innezuhalten und den Angehörigen sowie Betroffenen Anteilnahme zu bekunden.

Noch immer offene Fragen

Die Familien der Opfer „mussten jahrelang mit Ungewissheit, mit Gerüchten und unsäglichen Verdächtigungen und Anschuldigungen leben, sie erfuhren Schmerz an Leib und Seele“, sagte Arndt. Angesichts der vielen noch immer offenen Fragen dürfe es auch heute keinen Schlussstrich in der Aufarbeitung geben.

Der NSU sei keine „plötzliche Erscheinung“ gewesen, „die scheinbar aus dem Nirgendwo kam“. Arndt betonte: „Die Terroristen waren Menschen aus unserer Gesellschaft, die unter uns wohnten.“ Zudem sei das Terror-Trio von etlichen Menschen unterstützt worden.

Zehn Morde zwischen 2000 und 2007

Dem rechtsextremistischen Terrornetzwerk NSU werden zwischen 2000 und 2007 zehn Morde zugeschrieben. Opfer waren neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin. Bis zur sogenannten Selbstenttarnung am 4. November 2011 lebte die Terrorzelle in Chemnitz und Zwickau jahrelang unbehelligt im Untergrund. Erst nach dem Auffliegen erkannten die Ermittler die rassistischen und rechtsextremistischen Motive - zuvor konzentrierten sie sich auf die Opferfamilien.

Bereits am Vormittag fand in Chemnitz eine Diskussion zum weiteren Umgang mit dem NSU-Komplex statt. Wie Arndt betonte auch Jörg Buschmann vom Chemnitzer NSU-Dokumentationszentrum: „Auch 15 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU ist die Aufarbeitung nicht beendet.“

Es gebe noch immer Lücken, zum Beispiel seien nur wenige Unterstützerinnen und Unterstützer des NSU zur Rechenschaft gezogen worden. Fragen gebe es auch zur Verantwortung des Verfassungsschutzes.

Ombudsfrau John fordert Entschädigung

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen, Barbara John, fordert eine finanzielle Entschädigung für die Betroffenen. John begründete dies im Gespräch mit dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ mit der jahrelangen falschen Verdächtigung der Angehörigen und dem Versagen staatlicher Ermittlungsbehörden.

John schlägt vor, dass der Bund oder die Länder Sachsen und Bayern eine Entschädigung leisten könnten. In Sachsen waren die NSU-Terroristen untergetaucht, in Bayern ermordeten sie fünf Menschen.

Am 4. November 2011 war in Zwickau das letzte Wohnhaus der Terrorzelle explodiert, nachdem es die später verurteilte NSU-Terroristin Beate Zschäpe in Brand gesteckt hatte. Die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos töteten sich am selben Tag in Eisenach auf der Flucht vor der Polizei selbst.

Von Katharina Rögner (epd)