Der ukrainisch-deutsche Verein Vitsche hat sich wenige Wochen vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Januar 2022 in Berlin gegründet. Die Aktivistinnen und Aktivisten wollten die deutsche Öffentlichkeit und Politik wachrütteln. Heute ist der Verein eine Anlaufstelle für die ukrainische Community in Berlin. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit Vorstandsmitglied Vladyslava Vorobiova über Desinformation, Rassismuserfahrungen und die Stimmung ihrer Landsleute und welche Wünsche sie an die Deutschen hat. Die 22-Jährige stammt aus Charkiw.
epd: Frau Vorobiova, Sie sind Vorstandsmitglied von Vitsche e.V., einem deutsch-ukrainischen Verein in Berlin. Was ist die Aufgabe des Vereins?
Vorobiova: Es gibt uns seit dem 30. Januar 2022, also schon einen Monat vor der russischen Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022. Wir haben auf die Straßen mobilisiert, um den Menschen in Deutschland und in Europa zu zeigen, es ist wichtig, dass wir Druck auf Russland machen, damit die Russen keinen Krieg anfangen. Und dann kam der 24. Februar. Seitdem hat unsere Arbeit drei Richtungen: Das ist die Bekämpfung von Desinformation und Propaganda, Aufklärung über die Geschichte und koloniale Hintergründe der Ukraine und konkrete Spendenaktionen für die Menschen dort. Wir haben etwa jetzt 300 Wärmeboxen für alte Menschen dorthin geschickt.
Solidarität müsste viel größer sein
epd: Wie groß ist die ukrainische Community in Berlin?
Vorobiova: Das ist sehr schwer zu sagen. Schätzungen gehen von etwa 40.000 Ukrainerinnen und Ukrainern in Berlin aus, in ganz Deutschland sind es rund 1,5 Millionen. In Berlin gibt es sehr verschiedene Arten von Communitys. Wir als Verein Vitsche schaffen einen Ort, an dem diese große ukrainische Community zusammenkommt, beispielsweise wenn wir Demonstrationen organisieren, an denen bis zu 20.000 Menschen teilnehmen.
epd: Wie ausgeprägt empfinden Sie die Solidarität der Deutschen mit der Ukraine?
Vorobiova: Es gibt immer Momente, in denen die Solidarität steigt. Beispielsweise nach dem ersten Gespräch zwischen Selenskyj und Trump im Oval Office vor einem Jahr. Oder wenn die Menschen verstehen, dass der Krieg am 24. Februar bereits vier Jahre lang ist. Oder als es in Berlin den Stromausfall gab und eine Frau in einem Interview sagte, jetzt verstehe sie, was die Menschen in der Ukraine durchmachen. Aber eigentlich müsste die Solidarität noch viel, viel, viel größer sein.
Empathie wird nicht zu Handlung
epd: Warum?
Vorobiova: Ich glaube, dass Menschen in Deutschland bis jetzt nicht verstehen, was ein hybrider Krieg ist. Das ist nichts Entferntes. Nein, ein hybrider Krieg heißt, dass der Feind schon hier ist, durch Desinformation, durch unbekannte Drohnenflüge und durch Sabotagen. Ein hybrider Krieg ist ein erster Schritt und eine große Gefahr und muss deshalb schon jetzt bekämpft werden. Das ist genau der Grund, warum es so wichtig ist, den Menschen immer wieder klar zu machen, dass die Ukraine jetzt gerade gegen Russland kämpft, ist nicht nur für die Ukraine wichtig. Es ist für ganz Europa wichtig.
epd: Wie viel Empathie erleben Sie als Ukrainerin noch bei den Deutschen?
Vorobiova: Ich will jetzt nicht über die Menschen sprechen, die genervt sind, weil das nicht so viele sind. Das sind oft diese, bei denen die Desinformation verfängt. Viele wollen aber auch gar nicht mehr sehen, dass es immer schlimmer wird in der Ukraine. Es gibt viel Empathie hier, aber das Problem ist, es geht nicht weiter. Die Empathie wird nicht zur Handlung. Wir brauchen Menschen, die klar sagen, wir wollen Russland zeigen, dass wir als Europäer stark sind und wir werden für unsere Demokratie kämpfen. Und da meine ich nicht unbedingt mit Waffen, was aber auch wichtig ist.
Gegen schweigende Wand reden
epd: Viele Menschen aus Osteuropa beklagen Rassismus und Arroganz des Westens gegenüber den Osteuropäerinnen und Osteuropäern. Teilen Sie diese Erfahrung?
Vorobiova: Ich kann jetzt nicht sagen, dass die Mehrheit hier rassistisch ist, das ist bestimmt nicht der Fall, aber diesen Rassismus gibt es leider. Ich lebe seit neun Jahren hier und das war immer so. Die osteuropäischen Länder wurden quasi als Ostblock gesehen und nicht als subjektive Länder mit eigener Kultur und Sprache. Und dieser Ostblock wurde in der hiesigen Wahrnehmung weiterhin irgendwie von Russland angeführt. So, als sei die Sowjetunion immer noch da. Aber mittlerweile hat sich da etwas geändert. Auch die Arroganz in der Politik gibt es noch, aber nur in bestimmten Parteien wie der AfD und dem BSW. Vieles ist aber besser geworden. Für unsere am 24. Februar geplante Demonstration in Berlin haben wir schon Redner und Rednerinnen aus SPD, CDU und Grünen, die zugesagt haben, um mit der Ukraine solidarisch zu sein.
epd: Was wünschen Sie sich für den 24. Februar von Berlinerinnen und Berlinern?
Vorobiova: Dass viele auf unsere Versammlung kommen, weitere mobilisieren und Solidarität zeigen. Die Politiker sollen sehen, dass die Menschen in Deutschland an der Seite der Ukraine stehen. Wir müssen unsere Stärke zeigen und wir müssen mit unseren Stimmen kämpfen. Deswegen steht unsere Demonstration auch unter dem Motto „Für Europas Zukunft“. Ich wünsche mir, dass ich auf der Kundgebung, wenn ich auf Deutsch spreche, nicht irgendwie gegen eine schweigende Wand rede, sondern mit Menschen. Deshalb bringt eure Stimme und heißen Tee mit und lasst uns zusammen mit der Ukraine stehen.