Thüringen ehrt Holocaust-Opfer
Erfurt, Weimar (epd).

Der Thüringer Landtag hat am Holocaust-Gedenktag insbesondere an die planmäßige Ermordung von körperlich und psychisch behinderten Menschen ab 1939 erinnert. Sie seien im Namen einer perfiden Ideologie der Nützlichkeit zwangssterilisiert oder ermordet worden, sagte Landtagspräsident Thadäus König (CDU) am Dienstag in Erfurt. Jedermann müsse genau hinsehen und hinhören, wenn heute wieder Menschen ausgegrenzt oder antisemitischer Hass wieder offen geäußert werde.

Der 27. Januar erlaube keinen Blick aus sicherer Distanz, sagte König. Die freiheitliche Demokratie und das Verständnis von universellen Menschenrechten befänden sich in einer Bewährungsprobe. Das sei allein kein Grund für Schwarzmalerei. Doch der Holocaust-Gedenktag mahne, was passieren könne, wenn Freiheit und Würde verloren gehen. Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit.

Unbegreifliches Verbrechen

Der Holocaust-Überlebende und langjährige Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Naftali Fürst, sagte, die Ermordung von mehr als 200.000 behinderten Menschen sei ein Verbrechen, das sich nicht begreifen lasse. Es sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu dem nur der Mensch fähig sei. Er begrüße daher ausdrücklich, dass die NS-Opfergruppe der Behinderten in diesem Jahr endlich im Zentrum des Gedenkens stehe.

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) mahnte, aus der Geschichte zu lernen. Wer Menschen in Kategorien einteilt, bereite den Boden für das Unrecht, dessen in diesen Tagen in Deutschland gedacht werde. Der Weg dorthin beginne mit Gleichgültigkeit und dem Schweigen der Anständigen. Jeder müsse wissen: Die von rechtsextremer Seite propagierte „Remigration“ sei kein neues politisches Konzept, sondern dieselbe, alte braune Ideologie von Ausgrenzung und Vertreibung unschuldiger Menschen, sagte Voigt.

Viele Jugendliche unter den Gästen

Zuvor hatten Vertreter von Landesregierung und Landtag in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar Kränze für die Verfolgten des NS-Regimes niedergelegt. Der stellvertretende Direktor der Gedenkstätte, Philipp Neumann-Thein, erinnerte daran, dass sich die Gefangenen in den Konzentrationslagern selbst in den dunkelsten Stunden Zuversicht und Menschlichkeit bewahrt hätten.

Auch deswegen bestehe die Verpflichtung, sich den geistigen Brandstiftern entgegenzustellen, die heute erneut nach der Macht in Thüringen und Deutschland griffen, sagte Neumann-Thein. Dem Holocaust seien menschengemachte Entscheidungen vorausgegangen. Institutionen seien umgebaut, juristische und moralische Normen verschoben und Schutzmechanismen abgebaut worden. Ähnliche Versuche seien auch heute wieder zu beobachten. An dem Gedenken nahmen etwa 250 Menschen teil, darunter viele Jugendliche.

56.000 Häftlinge starben im KZ Buchenwald

Das Konzentrationslager Buchenwald war eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es wurde zwischen Juli 1937 und April 1945 auf dem Ettersberg bei Weimar als Haftstätte zur Zwangsarbeit betrieben. Insgesamt waren hier etwa 277.800 Menschen aus 50 Ländern im Haupt- und dessen Nebenlagern inhaftiert. Geschätzt 56.000 Gefangene wurden ermordet oder starben an Erschöpfung oder Unterernährung.

Von Matthias Thüsing (epd)