In Berlin sind im vergangenen Jahr durchschnittlich sechs antisemitische Vorfälle pro Tag gezählt worden. Insgesamt wurden knapp 2.200 (2.197) Vorkommnisse registriert, wie aus dem am Mittwoch vorgestellten Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias Berlin) hervorgeht. Viele Fälle spielten sich demnach im öffentlichen oder digitalen Raum ab. Jüdinnen und Juden berichteten von Beschimpfungen, Ausgrenzungen und Bedrohungen auf der Straße, an der Universität oder in der U-Bahn. Im Jahr 2024 hatte die Meldestelle mit 2.521 noch über 300 Vorfälle mehr registriert.
Unter den Fällen 2025 waren aber auch ein versuchter Mord und 39 körperliche Angriffe. Die Betroffenen wurden geschlagen, geschubst und angespuckt, einer Person wurde Reizgas ins Gesicht gesprüht. Das Opfer des Mordversuchs im Stelenfeld des Berliner Holocaustdenkmals war ein Tourist aus Spanien. Der aus Syrien stammende Täter wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt.
239 Versammlungen
Mit 239 Versammlungen in Berlin seien zudem so viele Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen verzeichnet worden wie nie zuvor. Wie in den Vorjahren waren die meisten Versammlungen (179) laut Rias dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus zuzuordnen.
Gehäuft hätten sich auch Vorfälle in der Gastronomie (39), indem Gäste beschimpft, bedroht oder nicht bedient wurden, weil sie als Jüdinnen oder Juden angesehen wurden. Registriert wurden zudem 55 antisemitische Aktionen an Berliner Hochschulen.
Bezirk Mitte an der Spitze
Die Vorfälle wirkten in den Alltag von Jüdinnen und Juden und hier lebenden Israelis hinein, sagte Rias-Projektleiterin Julia Kopp. Öffentliche Beschimpfungen und Parolen auf der Straße und im Internet wie „Scheiß Juden“, „Kindermörder“, „Kill all Jews“ oder „Zionismus ist das Böse“ verunsicherten die Betroffenen extrem. In der Konsequenz versteckten viele in der Öffentlichkeit ihre jüdische Identität.
Wie in den Vorjahren wurden die meisten antisemitischen Vorfälle im Internet gezählt (962) als Form „digitaler Gewalt“, so Kopp. 714 Vorkommnisse gab es auf der Straße, 87 im ÖPNV. Dabei gibt es eine deutliche Häufung im Berliner Innenstadtbereich mit dem Bezirk Mitte (362 Fälle). Eine Erklärung ist, dass dort die meisten Demonstrationen stattfinden und es dort viele Synagogen und jüdische Einrichtungen gibt.
Erfahrungen werden bagatellisiert und relativiert
Bei der großen Mehrheit der Fälle (1.550) konnte laut Rias der politische-weltanschauliche Hintergrund nicht eindeutig zugeordnet werden. 303 Fälle wurden dem antiisaelischem Aktivismus, 123 Fälle dem rechtsextremen Spektrum zugeschrieben. Neun Vorfälle gingen auf einen christlichen Fundamentalismus zurück.
Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, kritisierte, dass das vergangene Jahr davon geprägt war, „dass man mehr darüber stritt, wie Antisemitismus zu definieren sei, als dass man sich der Bekämpfung des Judenhasses annahm“: „Diese Debatten dienen unseres Erachtens oft dazu, die Antisemitismus-Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in Berlin zu bagatellisieren, zu relativieren oder zu negieren.“