Vier Monate nach der weitgehenden Waffenruhe im Gaza-Streifen haben Friedensaktivisten aus Israel und Palästina an der Evangelischen Akademie Loccum in Niedersachsen einen Diskussionsprozess zu einer möglichen Zwei-Staaten-Lösung gestartet. Unter dem Titel „Two States - Different Alternatives“ („Zwei Staaten - Verschiedene Alternativen“) wollen sie mehrere Modelle entwickeln, wie beide Gemeinschaften friedlich und gerecht zusammenleben können, wie Akademie-Studienleiter Thomas Müller-Färber am Mittwoch auf epd-Anfrage sagte. Die Ergebnisse sollen am Donnerstag in Berlin präsentiert werden. Weitere Tagungen sollen folgen.
Ziel sei, die durch den Gaza-Krieg an den Rand gedrängten Ideen von gegenseitiger Anerkennung, Gleichberechtigung und friedlicher Koexistenz in der israelischen und palästinensischen Gemeinschaft wiederzubeleben. „Wenn sich ein passendes Zeitfenster dafür öffnet, können diese Ideen dann in den politischen Raum eingespeist werden“, sagte Müller-Färber.
Zwei Delegationen
In der laufenden Woche kamen dazu in Loccum zwei Delegationen mit jeweils etwa zwölf Beteiligten zusammen. In Israel oder den Palästinensergebieten sei ein solches Treffen derzeit nicht möglich, erläuterte Müller-Färber. Deutschland sei das größte Land in der EU und fühle sich aufgrund seiner Geschichte besonders für die Situation im Nahen Osten verantwortlich.
Psychologische Barriere
Das Haupthindernis für einen gerechten Frieden sehen die beiden Delegationsleiter von der israelisch-palästinensischen Organisation „Minds of Peace“ („Gedanken des Friedens“) weniger in politischen Sachfragen. Die wichtigste Barriere sei psychologischer Natur, betonte der Palästinenser Samer Sinijlawi: „Unsere Herzen sind voller Misstrauen.“ Das findet auch der Israeli Sapir Handelman. Viele Menschen auf beiden Seiten sähen sich vor allem als Opfer.
Dabei sehne sich die Mehrheit der Menschen nach Frieden, betonte Sinijlawi. Sie seien nur durch Krieg und Terror verwirrt und von den Mächtigen manipuliert. Deshalb hat „Minds of Peace“ einen neuen Ansatz gewählt. Die Initiative für eine weltpolitisch viel geforderte Zwei-Staaten-Lösung müsse nicht nur von oben, sondern vor allem von unten kommen, sagt Handelman: „Was bisher fehlt, ist die Beteiligung der Menschen.“
Drei Modelle
Bei ihrem Workshop haben die Teilnehmenden drei denkbare Modelle entwickelt, die von eher getrennten Staaten bis hin zu Formen von Kooperation und Partnerschaft reichen. Für die konkreten politischen Streitfragen sehen sie pragmatische Lösungen. So könnten etwa die bis zu 500.000 jüdischen Siedler im besetzten Westjordanland israelische Staatsbürger bleiben und als Gäste in einem palästinensischen Staat leben, sofern sie sich an dessen Gesetze hielten, sagt Sinijlawi.
Über Kompensationen reden
Jerusalem mit seinem jüdischen Teil im Westen und dem arabisch geprägten Teil im Osten sieht er als Hauptstadt beider Staaten. Und wenn es um das Rückkehrrecht der Palästinenser gehe, die im Krieg von 1948/49 aus ihrer Heimat vertrieben wurden, so müsse man heute vor allem über Kompensationen für die damals erlittenen Verluste reden, sagte er.