Winterwetter: Lebensgefahr für Hamburger Obdachlose
Hamburg (epd).

Angesichts von Schnee und Eis warnen die Diakonie Hamburg und das Straßenmagazin Hinz&Kunzt vor Gefahren für obdachlose Menschen. „So schön der Schnee auch ist - für obdachlose Menschen ist dieses Wetter lebensbedrohlich“, sagt Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm laut Mitteilung. Kälteschutz sei kein Gnadenakt, sondern staatliche Pflicht. Er fordert zusätzliche Schlafplätze im Winternotprogramm, zudem sollten Stadt, Hochbahn und Deutsche Bahn öffentliche, geschützte und warme Räume wie Bahnhöfe rund um die Uhr offen halten. Die Diakonie Hamburg appelliert an die Bevölkerung, gerade jetzt bei obdachlosen Menschen genau hinzusehen.

Für die rund 3.800 Obdachlosen in Hamburg bedeutet Frost eine besondere Gesundheitsgefahr. „Starke Kältebelastung führt zur Absenkung der Körpertemperatur und zu einer Schläfrigkeit. Die Menschen können dann nicht mehr genug reagieren“, weiß Hans-Heiner Stöver, ehrenamtlicher Arzt im Diakonie-Zentrum für Wohnungslose. Dazu leiden gerade viele unter grippalen Infekten. Der Gesundheitszustand der obdachlosen Menschen habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert.

Unsichere Bürger

Viele Hamburgerinnen und Hamburger wollen helfen: „Es ist schwer mit anzusehen, wenn im Winter Menschen draußen schlafen“, sagt Projektleiterin Sonja Norgall vom Mitternachtsbus der Diakonie. Derzeit bekomme der Mitternachtsbus wesentlich mehr Anfragen von besorgten Bürgerinnen und Bürgern, die nicht wissen, was sie tun sollen. Norgall rät: „Sprechen Sie die Person an, fragen Sie, ob Hilfe benötigt wird.“ Ein heißes Getränk könne eigentlich immer helfen oder eine warme Decke. Wichtig sei, auf Augenhöhe zu kommunizieren. „Und akzeptieren Sie auch, wenn keine Hilfe gewünscht ist“, sagt Norgall, die weiß, dass das auch schwer fallen kann.

Ist ein obdachloser Mensch nicht ansprechbar, sollte der Notruf 112 gewählt werden. Wer einen obdachlosen Menschen nicht ansprechen mag, kann abends den Kältebus Hamburg unter der Nummer 0151/66683368 von 19 bis 24 Uhr über den Betroffenen informieren. Der Bus bringt hilfsbedürftige, obdachlose Menschen in die Einrichtungen des Winternotprogramms. Tagsüber, von montags bis freitags zwischen 8 bis 16 Uhr, können über eine Bürger-Hotline der Stadt unter 040/428285000 hilflose Personen gemeldet werden.

Mitternachtsbus hilft

Der Mitternachtsbus der Diakonie ist jede Nacht unterwegs. Ehrenamtliche verteilen heiße Getränke, Backwaren, warme Decken, Schlafsäcke oder Kleidung und informieren über weiterführende Hilfe. „Für die kalten Nächte haben wir ein paar zusätzliche Schlafsäcke und Handschuhe als Notversorgung im Bus“, sagte Nogall dem Evangelischen Pressedienst (epd). In der vergangenen Nacht wurden bei den 16 Haltepunkten über 110 Gäste versorgt, das seien relativ viele für diese Jahreszeit. „Wir hoffen, dass wir trotz Schnee und Glätte nicht stecken bleiben und in den nächsten Nächten möglichst viele Stellen anfahren können“, sagte die Projektleiterin.

Auch andere Hilfsangebote kämpfen mit der Witterung: „Wir selbst sind leider aufgrund des Wetters betrieblich so herausgefordert, dass wir bisher keine zusätzlichen Aktionen anbieten konnten und froh sind, dass wir unsere regulären Betriebszeiten einhalten“, sagte Gülay Ulas vom Duschbus GoBanyo. Vor allem mobile Angebote würden im Moment häufiger ausfallen. Ulas: „Umso wichtiger ist es, dass Institutionen, die in der Nähe der sogenannten Hotspots sitzen, wie Bibliotheken oder Firmen mit großen Eingangsbereichen, zusätzliche Hilfe anbieten.“

Dazu bieten fast alle Kirchengemeinden der Hansestadt regulär und auch spontan Hilfe im Winter an: Ins Gemeindezentrum neben der Osterkirche Bramfeld kommen tagsüber und abends Menschen, die sich aufwärmen, sie bekommen heiße Getränke. Die Kirchengemeinden in Harburg bieten Wärmeräume an und in der Harburger St. Johanniskirche öffnet das Café Refugio jeden Abend seine Türen für die oft bedürftigen Gäste, hieß es von der Nordkirche.

Notunterkünfte in Hamburg

Aktuell stehen den rund 3.800 obdachlosen Menschen in Hamburg etwa 1.300 Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Aufgrund der anhaltend frostigen Temperaturen können obdachlose Menschen das Hamburger Winternotprogramm in Hammerbrook und Moorfleet bis zum 12. Januar rund um die Uhr nutzen. Dennoch verbringen immer noch viele Betroffene die Nächte lieber im Freien als im Mehrbettzimmer. „Menschen, die obdachlos sind, befinden sich fast immer in einer existenziellen Krise“, sagt Norgall.

Der Mitternachtsbus informiert darüber, wie kalt es in den nächsten Nächten werden soll und empfehle seinen Gästen, sich ins Notprogramm zu begeben. Viele würden das städtische Angebot aber aufgrund der Unruhe und wegen ihrer eigenen psychischen Verfassung nicht nutzen. Und egal ob in Bahnhöfen oder an öffentlichen Orten, die Schutz bieten: „In den kommenden Tagen gilt noch mehr als sonst: Niemand darf von diesen Orten vertrieben werden“, fordert Hinz&Kunzt.