Hass und Hetze begegnen Menschen nicht nur im Internet. Auch in Kirchengemeinden der evangelischen Nordkirche werden antidemokratische und populistische Positionen spürbarer. Karl-Georg Ohse, Leiter des Projekts „Kirche stärkt Demokratie“, sieht dafür mehrere Ursachen. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht er von einer Gesellschaft im Krisenmodus - und von der Aufgabe der Kirche, eine „Erzählung der Hoffnung“ stark zu machen.
„Ich glaube, es hat mehrere Ursachen“, sagt Ohse. Seit sechs oder sieben Jahren lebten viele Menschen im Ausnahmezustand. Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Eskalation im Nahen Osten oder Fluchtbewegungen hätten Spuren hinterlassen. „Wir sind alle sehr dünnhäutig geworden und ein Stück weit überfordert mit diesen Krisen.“ In solchen Situationen verfingen einfache Antworten und das Verweisen auf Sündenböcke. Besonders betroffen seien Menschen mit der schwächsten gesellschaftlichen Stellung: Geflüchtete, obdachlose Menschen oder Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger.
Suche nach Identität
Zugleich beobachtet Ohse eine tieferliegende Suche. „Viele Menschen sind irgendwie auf der Suche. Nach Identität, nach dem, was uns verbindet, vielleicht auch, was mich selber ausmacht.“ Rechtspopulistische und rechtsextreme Angebote knüpften daran an. Sie böten Orientierung und Zugehörigkeit - gerade für Männer, „für weiße Männer“, für Menschen in prekären Lebensverhältnissen, „aber nicht nur für die“. Hinzu komme, dass klassische sinnstiftende Orte wie Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften an Präsenz verloren hätten. Dadurch entstünden Lücken.
Die Attraktivität rechter Parolen erklärt Ohse nicht allein mit deren Vereinfachung. Auch konkrete Alltagserfahrungen spielten eine Rolle. Am Beispiel der Deutschen Bahn beschreibt er ein verbreitetes Gefühl: „Man wird sozusagen mit dem Gefühl gefüttert, es funktioniert nichts mehr.“ Demokratische Parteien scheinen Probleme vor Ort nicht zu lösen. Gleichzeitig verändere der Ukrainekrieg gewohnte Sicherheiten. „Da geht auf einmal viel Geld, was woanders wieder fehlt, in diese Bereiche.“ Es entstehe „ein neuer Egoismus“ mit dem Wunsch, möglichst viel für die eigene Gruppe zu sichern.
Keine positive Vision
Dabei mahnt Ohse zur Einordnung: „Wir leben immer noch in paradiesischen Verhältnissen, wenn man so will.“ Im Vergleich mit Ländern wie der Ukraine, dem Gazastreifen oder dem Iran sei vieles „jammern auf hohem Niveau“. Dennoch verfange die Erzählung, man bekomme „nichts fürs eigene Volk geboten“.
Kritisch sieht Ohse die Reaktion demokratischer Parteien. Sie versuchten, auf rationaler Ebene zu argumentieren, erreichten aber viele Menschen emotional nicht. „Die demokratischen Parteien schaffen es auf einer rationalen Ebene nicht, ein positives Bauchgefühl bei den Menschen zu erzeugen.“ Es fehle eine positive Vision in unsicheren Zeiten.
Dialogisch bleiben
Hier sieht er die Kirche in einer besonderen Rolle. Sie müsse nicht für jedes politische Detail Lösungen präsentieren, könne aber Ängsten etwas entgegensetzen. „Wir können diesen Ängsten und apokalyptischen Erzählungen etwas entgegenhalten, nämlich eine Erzählung der Hoffnung.“ Statt von „Argumentieren gegen Rechts“ spricht Ohse lieber von einem Eintreten „für Menschenwürde, für Meinungsfreiheit, für Pluralität, für Buntheit“.
Für den Umgang mit rechten Parolen in Jugendgruppen oder Kirchengemeinderäten empfiehlt er eine differenzierte Haltung. Entscheidend sei die Beziehungsebene: „Was will ich also? Welche Beziehung will ich mit dem Menschen haben?“ Wichtig sei, aufmerksam zuzuhören und problematische Aussagen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Wenn Äußerungen rassistisch oder antisemitisch würden, rät Ohse, „die Macht der Frage zu entdecken“: „Woher hast du deine Erfahrung? Woher hast du deine Informationen?“ Oft verbergen sich hinter Parolen andere Sorgen.
Dialogisch zu bleiben, hält er für zentral. „Wir müssen uns da nicht verstecken. Wir stehen ja für etwas, wir stehen für Menschenwürde, wir stehen für die Gleichwertigkeit der Geschlechter und vieles mehr. Warum sollten wir dahinter zurückgehen?“